100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Runder Geburtstag der Nation

Zum 18. Januar 1921 jährt sich die Gründung des Deutschen Reiches zum 50. Mal. Die linksliberale DDP sieht durchaus einen Grund zum Feiern, denn auch wenn man das Kaiserreich hinter sich gelassen habe, könne man auf „Bismarcks Werk“ Stolz sein, so Theodor Heuß, der spätere erste Präsident der Bundesrepublik in diesem Artikel.

Gedenkmarke von 2009

Reichsgründungsfeier.

Von Dr. Theodor Heuß.

Frankreich hat vor ein paar Monaten das halbe Jahrhundert seines republikanischen Daseins gefeiert mit viel Gepränge – im Sieg konnte es gelassen seiner einstigen Niederlage gedenken. Und wir? Niemand ist jubiläumssüchtig; der Staat, der vor fünfzig Jahren gegründet worden, zerbrach, und es ist schmerzlich, aus dem Dunkel unserer Tage zu jenen großen historischen Augenblick zurückzuschauen. Das Kaisertum, das damals eine Verwirklichung deutscher Volkssehnsucht wurde, ist geschichtliche Erinnerung, Bismarcks Werk zerstört.

Versailles, die Schöpfung des vierzehnten Ludwig, der dem ohnmächtigen alten Reich seine Südwestmark weggerissen, war das Symbol deutscher politischer Erhebung geworden und ist heute wieder das Wort voll Enttäuschung, Weh und Bitternis. Im Lande des Feindes wurde das deutsche Kaisertum proklamiert; dies war der Ausdruck, daß es an dem Tag, da es entstand, ein Geschöpf siegreicher Massen war. Aber wenn es nicht mehr gewesen, dann wäre es über die dynastische Regierung, die es ehedem bildete, nicht hinausgewachsen. In der Fürstengeschichte bedeutete der 18. Januar 1871 den letzten Aufstieg des Hohenzollernhauses, in der Volks- und Staatsgeschichte die Verwirklichung der staatlichen Einheit.

Nicht der vollkommenen. Noch war kein Jahrfünft vergangen, seit Bismarcks entschlossener Wille den Bundestag in Frankfurt, diese Karikatur einer staatlichen Macht, gesprengt hatte und die Rivalität zwischen Berlin und Wien, in der Führung der deutschen Geschäfte, siegreich entschieden. Millionen deutscher Volksgenossen waren in einem fremden Staatsverband eingegliedert. Aber der Kern wurde nun zur Einheit zusammengefaßt und in dem demokratischen Wahlrecht erhielt das deutsche Volk das Mittel, das ihm half, politisch auch zur Einheit zusammengewachsen.

Die Größe von Bismarcks staatsmännischer Leistung ermißt man nicht, wenn man ihn romantisch als den Vollender breiter und tiefer vaterländischer Sehnsucht preist; wunderbar genug bleibt es ja, wie er seine in frühen Umrissen durchaus preußisch bestimmte Natur in die Aufgabe und das Ethos des gemein Deutschen schlechthin weitete. Die „öffentliche Meinung“ des Volkes hatte er hinter sich gezwungen, seit der deutsche Name, auf dem Hintergrund militärischer und außenpolitischer Erfolge, an Achtung gewann. Die aufreibendere und mühevollere Arbeit aber war, mit dem Souveränitätsgefühl der deutschen Mittelfürsten fertig zu werden. Sie waren im Jahre 1866 die Besiegten; fast in allen Kabinetten saßen die Gegenspieler des peinlich kühnen preußischen Kollegen, und sie sahen, daß Napoleon gerne der Rheinbundpolitik seines großen Oheims sich erinnerte. Bismarck wußte, warum er 1866 billigen Frieden gab und die Schutz- und Trutzbündnisse abnötigte. Wahrlich, den wenigsten der Fürsten, die Anton von Werners Bildnis als bewegte Zeugen des Versailler Aktes festhält, war es gleich frei und freudig zu Mute und die wichtigsten fehlten; Wilhelm I. aber befand sich an diesem Tag, nach seinen eigenen Worten, „in einer so morosen Emotion über die Veränderung des preußischen Titels, daß er drauf und dran war, zurückzutreten und „Fritz alles zu überlassen“. Der Kronprinz Friedrich Wilhelm, ungeachtet der innerpolitischen Zerwürfnisse bei Bismarcks Anfängen, trat, wie in Nikolsburg im Sommer 1866, entscheidend auf die Seite des Kanzlers, er notierte damals: „Ich fühle mich nur noch als Deutscher.“ Der deutsche Partikularismus mußte von Bismarck in erster Linie bei den deutschen Höfen angepackt und überwunden werden.

Mit Bedacht war der 18. Januar gewählt worden, um den Empfindungen Wilhelms I. Rechnung zu tragen. Dies ist der Tag der Erhebung Preußens zur Königwürde gewesen. Den Monarchisten mag es überlassen bleiben, darin die Weihe dieses Tages zu finden; seine geschichtliche Bedeutung liegt in anderem, in Größerem. Er wurde der Tag der nationalen Einigung; kein Ende und Abschluß, sondern ein Anfang, wenn das Leben und Werden eines Volkes ein Strom, Bewegung, Wechsel und Wandlung bedeutet. So soll dieses Tages gedacht werden, der Größe sah und damit Verpflichtungen des Willens zur Größe in sich schließt. Die Republik hat nicht die Macht der Monarchie geerbt, sondern ihre Trümmer und steht vor der unsäglich schweren Aufgabe, aus ihnen das staatliche Haus der Nation neu und dann über Hausmachtgrenzen hinaus, breiter aufzubauen. Formen wechseln; aber das Geschenk vor 50 Jahren, das nationale Einheit heißt, wird auch für sie der Eckstein sein. Ja, nur durch sie kann er heute gesichert werden.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 15.11.1921

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273791/JVB_19210115_012_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

DPAG 2009 Theodor Heuss - Theodor Heuss – Wikipedia