100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Alle Macht den (Betriebs-)Räten

Mehr als anderthalb Jahre nach der Novemberrevolution existiert immer noch eine Rätebewegung in Deutschland. Der Großteil der Aktivisten hatte sich zwar schon im Frühjahr 1919 zugunsten der parlamentarischen Versammlungen zurückgezogen. (Übrig geblieben waren nur die Linksradikalen, die in den Räten die Keimzelle eines sozialistischen Wirtschafts- und Politikmodells erblickten.) Die Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes und der folgende Aufbau einer wirtschaftlichen Räteorganisation sorgten jedoch für neuen Auftrieb.

Koenen als Abgeordneter der DDR-Volkskammer, 1951

Selbstständige Räteorganisation.

Von W. Koenen.

In einer Reihe wichtiger Industriegebiete haben sich unsere Genossen bereits  für die Aufrechterhaltung der selbstständigen Räteorganisation entschlossen eingesetzt. Neben der neuen klaren Entscheidung der Parteifunktionäre für den wichtigen Wirtschaftsbezirk Groß-Berlin liegen in gleichem Sinne bereits Beschlüsse aus dem mitteldeutschen Industrie-Revier, aus dem rheinisch-westfälischen Gebiet, aus Oberschlesien, dem Senftenberger Revier, Hamburg und anderen Orten vor. Es sind das durchweg Wirtschaftsbezirke von überragender Bedeutung, in denen bisher das Proletariat seiner Macht schon durch selbstständige Betriebsräte-Bewegung Ausdruck gegeben hatte.

Die Tatsachen des letzten Jahres haben in den genannten Bezirken auch die jetzt umgehende Behauptung schon im voraus Lügen gestraft, daß etwa die Gewerkschaften, ober, wie manche gar sagen, die Revolutionierung der Gewerkschaften durch eine selbstständige Betriebsräte-Bewegung Schaden leiden könnte. Im Gegenteil, gerade in den Bezirken, in denen das Proletariat sich diese neue Machtposition der Betriebsräte schon vor der gesetzlichen Regelung geschaffen hatte, sind die Gewerkschafts-Organisation außergewöhnlich stark und auch ihre Revolutionierung ist gerade dort erfreulich fortgeschritten. Und so wird es immer sein, denn das ist vorab ganz selbstverständlich, daß jeder einzelne Betriebsrat mit aller Kraft für die Organisierung der Arbeiter und Angestellten wirken wird, da sich die Betriebsräte von der ersten Stunde ihres Bestehens an sofort darüber im klaren sein werden, daß mit dem Anwachsen der Zahl der gewerkschaftlich organisierten Mitglieder in ihrem Betriebe jeweils die Standfestigkeit des Betriebsrates zunehmen wird.

[…]

Aus diesen praktischen Erfahrungen müssen wir für die jetzigen Auseinandersetzungen die Lehren ziehen. Das hat auch die Leitung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes meisterhaft verstanden. Wohl konnten uns diese Gewerkschaftsbürokraten monatelang verspotten ob unserer „Kästchen-Brauerei“, wie sie es nannten, wenn wir dem Proletariat den Räteaufbau nach Industriegebieten und Wirtschaftsbezirken klar machen wollten. Jetzt ist es vorbei mit dem Spott und die gewerkschaftlichen Oberbürokraten scheuen sich durchaus nicht, die bisherigen Vorarbeiten, unabhängiger Sozialdemokraten in der Rätebewegung jetzt für die besonderen Zwecke der Gewerkschafts-Oligarchie auszunutzen. Die Herren haben die ganze Kästchen-Bauerei mit Gruppenräten, Bezirksgruppenräten, Bezirkszentralen und Vollzugsräten glatt übernommen und nur einfach an die Spitze dieses Aufbaues einen Paragraphen gesetzt, in dem es heißt, daß nunmehr die Gewerkschaften die Oberleitung des gesamten Betriebsrätewesens übernehmen. Der Räteorganisation soll unorganisch eine auf anderen Prinzipien beruhende Leitung aufgepfropft werden. So wird es und kann es nicht gehen.

[…]

Ist somit die formale Rechtsgrundlage und das Prinzip der Gewerkschaften und der Betriebsräte durchaus verschieden, so ergibt sich jedoch in der Praxis sehr viel Berührendes, was auf Gemeinschaftsarbeit hindrängt. Den Betriebsräten sind zahlreiche Funktionäre innerhalb der Betriebe gesetzlich zugewiesen worden, die bisher die Gewerkschaften von außen her, ohne oder mit Abkommen, auszuüben versuchten.

[…]

Wo die völlig selbstständige Vereinigung der Betriebsräte sich nicht ermöglichen läßt, zwingt die Praxis zu einer Verständigung, die einzig und allein möglich ist mit den Kartellen der Gewerkschaften und Angestelltenverbänden. Diese Kartelle sind eben schon eine höhere Form der Zusammenfassung der bisherigen Berufsverbänden, und wären diese Kartelle unter beweglicher, aktiverer Leitung, wären die Kartellvorstände noch nicht so stark bürokratisiert, so wären weitestgehende Konzessionen an solche den Gewerkschaftsmitgliedern entstammenden örtlichen Zentralleitungen durchaus angebracht, da ja auch die Betriebsräte durchweg gewerkschaftlich organisiert sind und eine örtliche zentrale Vertretung anstreben müssen. Personalunionen würden die weniger bürokratisierten Kartellvorstände sehr oft die Verständigung erleichtern, da die noch im Berufe tätigen Kartelldelegierten fast immer auch Betriebsräte sein werden.

Wo also die erstrebenswerte selbstständige Räteorganisation noch nicht oder auch nicht mehr möglich sein sollte, da muß die Verständigung mit den Ortskartellen der Gewerkschaften und Angestelltenverbänden erreicht werden. Wo bisher noch keine selbstständige Räteorganisation bestand und nach den Richtlinien des Gewerkschaftsbundes nunmehr erst mit der Errichtung freigewerkschaftlicher Betriebsrätezentralen beginnen wird, muß um die Selbstständigkeit der Rätebewegung gerungen werden. Die Geschäftsordnung der etwaigen freigewerkschaftlichen Betriebsrätezentralen müssen und können überall in zähem Kampfe so geändert und erweitert werden, daß es zu der notwendigen selbstständigen Lebensregung der Betriebsrätebewegung kommt. Damit werden wir erfolgreich im Sinne der organisatorischen Vorbereitung der sozialistischen Produktionsweise tätig sein!

Quelle:

Neue Zeitung vom 24.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Koenen#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-11886-0010,_Berlin,_Au%C3%9Ferordentliche_Volkskammersitzung.jpg