100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Bismarck der Jugendmagnet

Zahlreiche lokale Jugendorganisationen versammelten sich zum dritten Mal in Weimar am Bismarckdenkmal. Das germanentümelnde Event beinhaltete „Waldlieder“, Nymphen sowie Zupfgeigen. Das Denkmal selbst bestand von 1901 bis 1949, als es gesprengt wurde, um Platz für die Gedenkstätte des nahegelegenen Konzentrationslagers Buchenwald zu machen.

Bismarckdenkmal auf dem Ettersberg

Weimarer Nachrichten.

Weimar, Freitag, den 2. Juli 1920.

Dritter Landjugendtag am 27. Juni am Bismarck-Denkmal auf dem Ettersberg.

„Es war ein Sonntag, hell und klar, ein wunderschöner Tag im Jahr,“ so sangen die Jugendvereine im vorigen Jahre, als sie zum Berge wanderten. Diesmal aber gings feucht hernieder, ja Wotan jagte bisweilen dunkle Regenwolken über seinen geheiligten Berg, und doch war’s auch diesmal ein wunderschöner Tag im Jahr, denn das Land schmachtete seit Wochen nach Regen und so freute sich das junge Landvolk ob des Segens von oben. Unsere echten Germanenkinder hatten das Wetter nicht gescheut, zu Wagen und zu Fuß waren sie hinauf zur Höhe geeilt, und des Turmwarts blank geputzes Mützenschild brannte durch das Dunkel, und die Sonne tats ihm nach, und so stand man bald fröhlich mitten im herrlichen Panorama. Im Fichtenwald stimmte man das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ an und Pfarrer Kirchner aus Legefeld richtete herzandringende, zeitgemäße Worte an die versammelte Jugend. Hierauf folgte als Massenchor Imhofs „Waldlied“, wozu Lehrer Freudenthaler, Tiefurt, mit seinem Jugendverein ein treffliches Echo bot. An idyllischer Waldstelle, von einer gewaltigen Eiche überdacht, umrahmt von Büschen und Bäumen, fand auf freier Waldbühne sodann die Aufführung „Im deutschen Wald“ von Margarete Küchler von der Jugendpflege Niederzimmern, unter Lehrer Imhofs Leitung, statt. Eiche, Birke, Tanne und Linde, dargestellt von schmucken Jungfrauen in Dirndlkleidern mit den Zweigen der betreffenden Bäume geschmückt, gerieten in Streit, denn jede wollte der der bedeutendste der Bäume im Volks- und Familienleben sein, bis die Nymphenkönigin in schmuckem Kleid und goldener Krone alle vereinigt in dem Kranz: „Alles vereinigt in Tal und Höh’n, das macht den Wald so traut und schön.“ Zwergkönig Hülbich im Stahlhelm mit seinem Gefolge lagerte am modernden Baumstumpf, badende Nixen langen im Gebüsch und der Kuckuck fügte sich in das Gesamtspiel der singenden, mit Kornblumen geschmückten frohen Sängerschar. Da die Wirkung eine viel tiefgehendere als an der Südseite des Turmes war, beschloß man, den Sängerwettstreit unter derselben Eiche auszutragen. Tiefurts Musterverein eröffnete den Streit mit dem Lied „Wenn der Frühling“ unter Lehrer Freudenthalers Leitung; es folgten Obergrunstedt, Leiter Lehrer Hohmeyer; Niederzimmern, Leiter Lehrer Imhof; Ramsla, Leiter Lehrer Peters; Markvippach, Leiter Lehrer Hoffmann; Neumark, Leiter Lehrer Just; zwei Damen aus Großobringen, die Frls. Leinhos und Stumpf, Zupfgeigenbund Niederzimmern, Leiter Pfarrer Neumann; Jugendpflege Weimar, Leitung Frl. Krafft. Alle boten einfache, gute, ja musterhafte Leistungen, die von den zahlreichen Zuhörern mit reichem Beifall belohnt wurden. Das waren Taten, keine bloßen Reden, denn mit Vorträgen und Reden über Jugendpflege, die langsam beginnen, den Pflegern und der Jugend zuwider zu werden, wird nichts getan! Geredet ist genug, wir wollen Arbeit und Leistung sehen! Schöne Beispiele, die uns da geboten wurden! Nun gings zum Turm, wo uns die Jugendvereine Weimar und besonders Neumark großartige Gesänge, Reigen und Volkstänze vorführten. Hier löste sich die Menge! Unter Freudenthalers Leitung begannen die Spiele, einzelne Jugendgruppen sangen, spielten und tanzten, besonders war der Niederzimmerer Zupfgeigenbund umlagert. Zum Schluß rief Pfarrer Werner, Weimar, der Bezirksleiter, alles Volk an der Südseite des Turmes um sich, um in seiner weit über Weimars Mauern bekannten volkstümlichen Weise die Jugend zur freudigen Weiterarbeit anzufeuern. Ein dreifaches „Heil der Jugend“ brauste in die Lande. Sodann verteilte Frau Begas als Vertreterin des Landesamtes die von diesem gestifteten Bücherpreise, und Pfarrer Werner empfahl Reisen mit der Jugend in das schöne Thüringer Land, wie es bereits die Jugendpflegen von Obergrunstedt und Niederzimmern getan haben. Sein Dankeswort galt allen Leitern und Mitwirkenden, insbesondere dem Schöpfer des Gedankens vom Landjugendtag, Lehrer Imhof in Niederzimmern. Beehrt wurde der Landjugendtag von den Herren Schulrat Dr. Mollberg, Geh. Kirchenrat Krippendorf, dem Thüringerwald-Verein und der Bismarck-Gemeinde. Hoffentlich treten alle Jugendvereine im nächsten Jahre zur Feier an, und das Volk und seine Vertreter erkennen, daß seine freiwilligen Leiter einer höheren Klasse, als die ihr zugewiesenen, wert und würdig sind!

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 2.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bismarckturm_(Weimar)#/media/Datei:Wilhelm_Walther,_Bismarckturm_Weimar,_2-091-084-6818.tiff