100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Reparationsfrage auf der Konferenz von Spa

Die Konferenz von Spa fand vom 5. bis 16. Juli in Belgien statt. Sie diente der Klärung der Reparationsfrage und war zugleich die erste Konferenz nach dem Ersten Weltkrieg, an der auch Deutsche als echte Verhandlungspartner teilnahmen. Auf dieser Konferenz, welche auch in den Zeitungen in Deutschland stark im Fokus der Aufmerksamkeit stand, wurden u.a. Beschlüsse zu den Kohlenlieferungen, zur Lebensmittelversorgung deutscher Bergleute und zur Abrüstung getroffen.

Walter Simons - Chef der deutschen Delegation in Spa

Auftakt zur Konferenz von Spa.

Berlin, 3. Juli. Die deutsche Delegation für Spa ist heute abend mit Sonderzug um 9 ¾ Uhr vom Potsdamer Bahnhof abgereist.

Berlin, 2. Juli. Wie wir erfahren, sind als hervorragendste Teilnehmer an der Konferenz in Spa bisher bekannt:

Für Belgien 15 Delegierte, darunter Ministerpräsident und gleichzeitig Finanzminister de la Troir, Minister des Auswärtigen Hmans, Minister des Innern Jaspar, belgischer Kommissar in Koblenz Roli-Jacquemyns, belgischer Delegierter bei der Wiedergutmachungskommission Theunis, Chef des belgischen Generalstabs General Maglinx.

Für England: Lloyd George, Lord Eurzon, Sir John Bradburn von der Wiedergutmachungskommission, der Chef des englischen Generalstabes General Wilson, General Sadville-West von der interalliierten Kommission in Paris, der Admiral Beatth, Mr. Wife von der interalliierten Lebensmittelkommission, der Oberkommissar der Alliierten für Danzig Tower und der Chef der britischen Militärmission in Berlin General Malcolm.

Für Frankreich: Ministerpräsident Mitterand, vom Außenministerium Direktor der politischen Abteilung Berthelot, Subdirektor der Abteilung Europa Laroche, Ministerialdirektor Sehdour, der Botschaftsrat in London Fleuriot; vom Finanzministerium: Minister Marsal, Direktor Eeillier und der Finanzsachverständige der französischen Botschaft in London Abenol; Marschall Foch, General Wehgand, Admiral Lebassenr, Minister Le Trocquer; vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten: der Präsident der Wiedergutmachungskommission Louis Dubois, der Justiziar des Auswärtigen Amtes Fromageot.

Für Italien: Graf Sforza, Commendatore Pagino von der Banca di Sconto, der Pariser Vertreter bei der Wiedergutmachungskommission Bertolini.

Für Polen: Ministerpräsident Patef, General Rozivabowski und Ministerialdirektor Olszowski vom Auswärtigen Amt.

Berlin, 4. Juli. (Privatmeldung.) In der Konferenz der Ministerpräsidenten der Einzelstaaten, die vor der Abreise der deutschen Delegation nach Spa in Berlin stattfand, wurde dem Reichskanzler Fehrenbach einstimmig die Zustimmung der Ministerpräsidenten ausgesprochen zu dem Beschluß des Kanzlers, nur dann an den Konferenzen in Spa teilzunehmen, wenn die deutsche Delegation mit gleichen Rechten und Pflichten wie die alliierten Delegationen zugelassen ist.

Paris, 3. Juli. In der „Bichoire“ sagt Gustave Hervè, ein Teil des französischen Publikums habe es nötig, daß man ihm im Augenblick der Eröffnung der Konferenz von Spa in Erinnerung bringe, daß, wenn man eine Kuh melken wolle, man ihr nicht das Euter abschneiden dürfe. Deutschland sei militärisch erledigt. Es habe einige seiner größten Reichtumsquellen verloren; so präsentiere sich Deutschland in Spa.

Spa, 4. Juli. Die deutsche Delegation traf unter strömendem Regen hier ein. Sie wurde von dem Sekretär der belgischen Delegation in die für sie bereits gestellten Hotels und Villen gebracht. Nach der „Frankfurter Zeitung“ verlief die Begrüßung in ausgesuchter Form. Die Bevölkerung zeigte sich interessiert, aber korrekt. Der Zustrom der ausländischen Journalisten ist enorm.

Spa, 4. Juli. Reichsminister Simons gewährte einem Teile ausländischer Journalisten eine Unterredung, in der er erklärte, es sei im Interesse der ganzen Welt notwendig, schon jetzt zu einer Einigung in der Festsetzung des Betrages für die Widergutmachung zu kommen. Deutschland werde alles tun, um diese Zusammenarbeit zu fördern. Auf die Frage, ob er schon bestimmte Vorschläge mitbringe, erklärte der Minister, daß man nicht imstande sei, eine Summe zu nennen, die Deutschland bestimmt zahlen könne. Aber wenn es durch diese mündlichen Verhandlungen gelinge, ein Einverständnis zu erzielen, dann werde Deutschland in der Lage sein, ein festes Angebot zu machen. Der Minister bemerkte noch, daß er nie etwas unterschreiben werde, was Deutschland nicht zahlen könne. Für die Erfüllung der deutschen Verpflichtungen seien Rohmaterial, Lebensmittel und innerer Frieden notwendig. Die Einigung über diese Fragen sei die erste Voraussetzung für irgendein Angebot Deutschlands. Der Minister schloß, daß Deutschland den besten Willen habe, zu einer Einigung zu kommen.

Rotterdam, 4. Juli. „Daily Mail“ meldet aus Paris: Die Rede des deutschen Finanzministers im Reichstag, die auf eine Zahlungsunfähigkeit Deutschlands vorbereiten soll, wird in Paris für einen Bluff angesehen; solange Deutschland jährlich 5 Milliarden Mark für die Arbeitslosen zahlt, kann es auch ebenso viel und mehr den Alliierten zahlen.

Rotterdam, 4. Juli. „Daily News“ meldet: Lloyd George hat vor seiner Abreise nach Brüssel Mitglieder der liberalen Partei und der Arbeiterpartei empfangen. Er gab Erklärungen ab, wonach er in Spa die Einigung zwischen den Alliierten und den Deutschen zu erreichen bestrebt sein werde. Seine Ausführungen fanden die Zustimmung der liberalen Führer und der Vertreter der Arbeiterpartei.

Rotterdam, 4. Juli. (Reuter.) Die Anträge der Engländer für Spa beschränken sich auf eine Aussprache mit den Deutschen über Umfang und Zeitpunkt der Verpflichtungen Deutschlands, soweit Deutschland zu deren Tragung fähig ist. Möglicherweise wird der Spaer Konferenz eine zweite mit den Deutschen innerhalb weniger Wochen folgen, falls in Spa Differenzpunkte bestehen bleiben sollten.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 5.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273627/JVB_19200705_155_167758667_B1_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371048

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Simons#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-12279,_Walter_Simons.jpg