100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die umstrittene Entwaffnung

Auf der Konferenz von Spa ging es neben anderen Themen auch und vor allem um die deutsche Entwaffnung und damit auch um einen immer wiederkehrenden Streitpunkt: das Ruhrgebiet und die deutsche Kohle. Im heutigen Zeitungsausschnitt wird die Skepsis der Deutschen vor dem französischen Einfluss und den französischen Forderungen außerordentlich deutlich. Das Blatt erinnert an die existierende wirtschaftliche Verflechtung in Europa und sieht dies als Anknüpfungspunkt für eine zukunftsweisendere Politik.

Zerlegung eines deutschen Geschützes, 1919

Entwaffnung und Wirtschaft.

Der Entschluß der deutschen Unterhändler, die Entwaffnungsbedingungen einschließlich der „Strafklausel“ zu unterzeichnen, hat die Bahn für die Wirtschaftsverhandlungen frei gemacht; nur wenige Stunden der Erörterung über die Frage der Kriegsschuldigen trennten die militärischen Verhandlungen von den wirtschaftlichen. Die Kürze der Zeit, die diesen wichtigsten Verhandlungen gewährt wird, läßt manches befürchten: der Gedanke liegt nahe, daß auch hier ein im wesentlichen fertiges Ergebnis zur Unterschrift vorgelegt werden soll. Immerhin wird man zuvor deutsche Vorschläge gehört haben; und selbst im ungünstigsten Fall dann in Spa wohl die Forderungen des Verbandes, nicht aber die Ausführung festgelegt werden. Die fordert unter allen Umständen die sorgfältige Arbeit der Sachverständigen; sie kann nicht, wie die militärische Frage, zur knappen Formel des Forderns und Leistens vereinfacht werden.

Daß dem so ist, zeigt gerade der Zusammenhang mit der „Entwaffnung“. Die deutsche Unterschrift unter die militärischen Bedingungen legt den Verbandsmächten sittliche, oder, wenn man dergleichen für unwesentlich hält, zum mindesten praktische Pflichten auf. Zweck einer Wehrmacht ist es, vor allem die Wirtschaft eines Landes nach innen und außen zu schützen. Dieses Schutzes ist Deutschland nicht nur beraubt worden, sondern es sind ihm auf Maßregeln auferlegt, die unmittelbar wirtschaftliche Gefahren in sich schließen. Auch das Ausland weiß, was es für Deutschland bedeutet, hunderttausend Mann seiner Reichswehr und eine große Zahl von Mitgliedern anderer Formationen in knappe Zeit entlassen zu müssen; abgesehen von den Schwierigkeiten der Materialauffindungen und -zerstörung. Die Verbandsmächte werden sagen, gerade durch dies Freiwerden von Arbeitskraft und Arbeitsmitteln sei der deutschen Wirtschaft gedient. Das kann zutreffen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Die erste dieser Voraussetzungen ist natürlich die nationale Sicherheit; ein wehrlos gemachtes Deutschland darf nicht von außen durch machtbegierige Nachbarn oder von innen durch soziale Verzweiflung bedroht sein. Die zweite, aufs engste damit zusammenhängende Voraussetzung ist, daß die deutsche Wirtschaft befähigt wird, die frei werdenden Arbeitskräfte aufzunehmen. Verbandspolitiker sollen der deutschen Regierung, wenn sie sich bereitwillig zeige, „Unterstützung“ in Aussicht gestellt haben; eine solche Unterstützung könnte Erfolg nur haben, wenn sie nicht durch Verbandstruppen und Aufsichtsausschüsse, sondern durch wirtschaftliche Mittel geleitet wird. Die Verbandsächte können in Deutschland einrücken, wenn der Entwaffnungsvertrag nach ihrer Meinung „nicht erfüllt“ wird; durch kein militärisches Machtmittel aber können sie erreichen, daß er erfüllt werden kann – wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen dazu fehlen.

Noch viel offenkundiger ist der Zusammenhang zwischen Forderung und Hilfeleistung natürlich dort, wo es sich unmittelbar um die Wirtschaftsfragen handelt. Bei der Entwaffnung konnte es wenigstens von au0ßen her so scheine, als gewinne der Verband, was Deutschland verliere; in Wirtschaftsdingen ist der Widersinn einer solchen Auffassung handgreiflich. Die Wirkung eines Diktats würde auf diesem Gebiet nur bis zur Unterschrift reichen; beim ersten Versuch der Ausführung würde dennoch die Unerlässlichkeit gemeinsamer Arbeit offenbar werden. Man denke an die zunächst behandelte, die Kohlenfrage. Versuchte man, diese Frage so zu lösen, daß man den Deutschen einfach abforderte, was den Franzosen fehlt, so würde sich bald ergeben, daß Deutschland nur entweder Wiedergutmachungen leisten könnte (dazu braucht es Kohlen) oder den größten Teil jener Kohlen hergeben würde und dann zu jeder anderen „Wiedergutmachung“ unfähig wäre. Tatsächlich sind als Kohlenförderer und -verbraucher Deutschland und Frankreich nicht zwei einander bekämpfende Gebiete, sondern ein Gebiet, das als Ganzes zu wenig Kohle hat. Nicht anders, nur in noch größerem Maßstab, steht es so bei den finanziellen, überhaupt allen wirtschaftlichen Vertragsbedingungen. Das deutsch-französische Wirtschaftsgebiet wird nicht reicher, wenn Frankreich statt Deutschland über die Ruhrkohle verfügt; der Erdteil Europa kann durch die Höhe der Summen, die in Deutschlands Schuldbuch geschrieben werden, keinen Pfennig gewinnen – wohl aber Unausrechenbares verlieren.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 10.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273632/JVB_19200710_160_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fenpolitik_der_Weimarer_Republik#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1972-081-03,_Zerlegen_eines_schweren_Gesch%C3%BCtzes.jpg