100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ein Widerwort des Tycoons

Hugo Stinnes war seinerzeit einer der reichsten Menschen weltweit. Sein Kohle- und Stahlimperium hatte er auch in der Weimarer Republik ausbauen können. Stinnes war als Vertreter von Arbeitgeberinteressen berüchtigt und sprach in dieser Funktion auf der Konferenz von Spaa, wo er seine Einschätzung über die deutsche Zahlungsfähigkeit in Sachen Kohlenlieferungen darlegte. Stinnes gab sich kämpferisch und kritisierte u.a. den Einsatz farbiger Truppen im Rheinland in rassistischer Weise.

Hugo Stinnes (1870-1924)

Die Rede Stinnes in Spaa.

„Deutschland kann kein Diktat annehmen.“

Die Rede, die Hugo Stinnes in der Sonnabend-Vormittagssitzung der Konferenz hielt, lautete:

„Ich spreche stehend, damit ich meinen Zuhörern ins Auge sehen kann. Sie werden mir gestatten, freimütig zu sprechen. Herr Millerand hat gestern erklärt, daß er aus Courtoisse bereit sei, die deutschen Vertreter zu hören. Wer nicht von der Siegerkrankheit unheilbar befallen ist, weiß, daß mit den jetzt üblich gewordenen „Decisionen“ es nicht getan ist. Sie sind das Ohr, durch das die europäische, ja die ganze Welt hören will, was wir Deutsche in einer europäischen Lebensfrage, die ohne unsere tatkräftige Mitwirkung nicht zu lösen ist, zu sagen haben. Ich spreche somit aus natürlichem Recht, nicht aus Höflichkeit geduldet, hier oder andernwärts. Die Zahlen des Herrn Millerand kann ich hier, soweit sie Frankreich betreffen, nicht anerkennen, auch nicht zahlenmäßig bestreiten. Soweit sie sich auf den Versorgungsgrad Deutschlands beziehen, der zu 79 Proz. im allgemeinen, zu 65 Proz. in der Eisenindustrie angegeben wird, sind sie unrichtig. Als deutscher Industrieller weiß ich aus eigenen vielgestaltigen Betrieben, daß die Versorgung leider nicht annähernd 80 Proz. beträgt. Anerkennen muß ich, daß die französischen Versorgungsverhältnisse ebenfalls unerträglich schlechte sind und daß, ganz abgesehen vom Friedensvertrag von Versailles, der zwar ein Recht geschaffen hat, aber ein einem armen, ausgehungerter Volk abgepreßtes, ein gleichsam natürliches Anrecht auf französischer Seite besteht, daß jeder deutsche Unternehmer und Arbeiter das äußerste tut, um dem im Kriege erfolgreichen Frankreich aus seinem jetzigen Zustande schnellstens zu helfen. […] Im Frühjahr 1919 betrug die Förderung im Ruhrgebiet, das für die unmittelbaren Lieferungen an Frankreich ausschlaggebend ist, rund 220.000 Tonnen täglich. Sie ist jetzt auf 285.000 Tonnen gestiegen. Damals wurde schon in Erkenntnis der kommenden Entwicklung seitens der Bergwerksbesitzer im Einvernehmen mit den Gewerkschaften der deutschen Regierung eine Siedlung von Bergleuten in den Bergwerksbezirken bisher niemals gehörten Umfanges vorgeschlagen. Allein im Ruhrbezirk sollen mit Familien usw. zirka 600.000 Menschen angesiedelt werden. Allein im Ruhrbezirk werden Unkosten von weit über 6 Milliarden Mark entstehen, davon sicher 5 Milliarden nicht dauernde Werte infolge der herrschenden Teuerung, also ein gewaltiger Verlust, um eine gesteigerte Lieferung an Frankreich zu ermöglichen. Die Siedlung geht, abgesehen von Mängeln der ersten Organisation, nicht flott von statten, weil es wegen des Kohlenmangels in Deutschland an Baustoffen aller Art mangelt. Auch mangelt es an Geld. Da die erforderliche Hebung der Förderung nicht schnell genug durch Heranziehung neuer Arbeitermengen in die Kohlendistrikte mangels Wohnungsgelegenheit möglich war, entschlossen sich nach mühevollen Verhandlungen im Februar 1920 die Unternehmer und Arbeiter, statt der von letzteren sehnlichst gewünschten sechsstündigen Arbeitszeit eine solche von acht Stunden und zehn Minuten im Wege der Ueberschichten auf sich zu nehmen, Ueberschichten, die mit 100 Proz. Zuschlag bezahlt werden. Die Millionen Tonnen, die heute als Grundstock der monatlichen Lieferungen an die Entente angesehen werden kann, ist ermöglicht durch die Ueberarbeit deutscher Bergleute, deren Ernährungszustand nach vieljähriger Hungerblockade schlecht ist, deren Familien heruntergekommen, abgerissen sind. Zurzeit sind wieder Verhandlungen im Gange, um noch mehr überzuarbeiten, täglich anderthalb Stunden, wodurch eine weitere beträchtliche Förderungssteigerung sofort eintreten würde. Nur wer weltfremd ist, wird glauben können, daß die freiwillige, mit rohen Gewaltmitteln nicht erzwingbare Mehrarbeit in erster Linie mit verwandt werden muß, um in Deutschland die verheerende Arbeitslosigkeit einzudämmen und den deutschen Arbeitern insgesamt eine halbwegs lebenswerte Existenz zu ermöglichen.

Wir fassen demnach als Reaktion auch die Möglichkeit ins Auge, daß wir Sie nicht davon überzeugen können, daß durch uns das äußerste getan ist, so daß Sie zur Gewaltanwendung schreiten, zur Besetzung des Ruhrgebietes oder dergleichen. Selbst wenn dieser Gewaltakt mit Schwarzen ausgeführt werden sollte, bei deren Anblick als Träger öffentlicher Gewalt sich jedes Weißen und Deutschen Herz empört, so kann damit weder für Frankreich noch für Europa etwas genützt werden. Die Siedlung wird mangels Baumaterials zum Stillstand kommen, neue Arbeiter werden nicht einströmen. Der jetzige Zustand europäischer Kohlennot, dem sonst etwa in drei Jahren abgeschossen werden könnte, wird in Permanenz erklärt und damit der Zustand wirtschaftlicher europäischer Ohnmacht wegen Rohstoffverteuerung. Alle auf Europa fahrenden Schiffe werden mangels Kohlenausfracht nur einseitig beladen sein. Eine unendliche Erschwerung hat die Kohlenfrage durch die gestrige Entscheidung in militärischen Fragen erhalten. Daraus werden Unruhen schlimmster Art entstehen, die Folgen an Produktionsausfall werden auf sie in erster Linie zurückfallen. Das Kohlenproblem auf dem Kontinent ist ein einheitliches. Die Ruhr und Oberschlesien sind nicht von einander zu trennen. Wir sind bereit, mit besten Mitteln mit Ihnen zu überlegen, wie wir Ihnen schnell und gründlich helfen können. Ein Diktat können wir nicht annehmen. Dafür steht Ihnen nach unseren Vorleistungen auch auf Grund des Friedensvertrages das Recht nicht zur Seite, aus sachlichen und rechtlichen Gründen sind die Punkte 1 bis 4 Ihrer Kohlenentscheidungen unannehmbar.“

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 12.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Stinnes#/media/Datei:Erich_Zweigert.jpg