100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Es gibt viel zu tun in Thüringen…

Einen Monat nach der Wahl zum ersten Landtag Thüringens tritt selbiger im Weimarer Fürstenhaus zusammen. Arnold Paulssen, der bisherige Regierungschef von Sachsen-Weimar-Eisenach und Vorsitzende des Staatsrates von Thüringen, hielt die Eröffnungsrede und listete die Herkulesaufgaben auf, die der kommenden Landesregierung harrten. Die Findung einer mehrheitsfähigen Regierung sollte jedoch noch einige Monate in Anspruch nehmen.

Das Fürstenhaus in Weimar

Eröffnung des Thüringer Landtags

Weimar, den 20. Juli 1920.

Der umgebaute Saal des Fürstenhauses, in dem sich schon so viele für die Entwicklung des Staates Sachsen-Weimar wichtige Tagungen abgespielt haben, in dem auch der Volksrat von Thüringen seine grundlegenden Vorarbeiten für unsere neue größere Heimat geleistet hat, prangte in reichem Blumenschmuck. Schon lange vor 10 Uhr haben sich einzelne Abgeordnete eingefunden, und immer neue Mitglieder treten herein, immer mehr wächst die erwartungsvolle Stimmung, die über dem altehrwürdigem Raume liegt, und sein Anblick ist ein gänzlich veränderter. Der hohe Sitz des Präsidiums die Rednerbühne und die Sitze der Abgeordneten geben in ihrer in hellem Holze gehaltenen Ausführung dem Ganzen einen freundlichen Ton, der durch die vermehrte Zahl der Fenster noch gehoben wird.

Beide Tribünen sind längst von einer gespannt in den Saal herabschauenden Zuhörerschaft voll besetzt. In einzelnen Gruppen schließen sich nach und nach die politisch zusammengehörenden Abgeordneten zusammen – die Präsidentenwahl wirkt in den Unterhaltungen ihre Schatten voraus. Herr Rat Ziehn waltet in gewohnter Umsicht seines Amtes als Bürodirektor überall Auskünfte erteilend: die Plätze werden eingenommen und ¼ 11 Uhr betritt Herr Staatsminister Paulssen die Rednerbühne.

Mit seinem ersten Worte beginnt eine neue wichtige Phase im thüringischen Staatsleben. Die vom Volke ausdrücklich für das neue Staatswesen gewählte Vertretung ergreift die Zügel der Regierung. Innige Wünsche für das Gedeihen unseres geliebten engeren Vaterlandes sind das herrschende Gefühl dieser Stunde; von ihnen getragen sind auch die Eröffnungsworte des Herrn Staatsministers Paulssen.

Eine in vieler Hinsicht gerade für Weimar glanzvolle Vergangenheit schließt ab; neue Bahnen sind beschritten worden und mit festem Vertrauen auf unsere Kraft hoffen wir, auf anderen Wegen als früher aus der schweren Gegenwart zu besserer Zukunft hinaufzusteigen.

Die Ansprache des Herrn Staatsminister

Dr. Paulssen

hat folgenden Wortlaut:

Nach § 66 der vorläufigen Verfassung von Thüringen hat der Staatsrat von Thüringen den ersten Landtag spätestens 30 Tage nach der Wahl einzuberufen. Diese Verpflichtung hat der Staatsrat erfüllt und in seinem Namen und Auftrag habe ich die Ehre Sie als die ersten Volksvertreter Thüringens, die aus allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl hervorgegangen sind, hier zu begrüßen, in einem Raume, der noch gewisse Spuren der Unfertigkeit in sich trägt.

Auch das hohe Haus unseres Heimatlandes unseres neuen geeinten Thüringens trägt noch die Spuren der Unfertigkeit an allen Ecken und Enden an sich. Es ist erst im Rohbau errichtet. Es einzurichten und wohnlich zu gestalten, wird Ihre Aufgabe sein. Es ist eine Riesenarbeit, die Ihrer harrt und die derjenigen harrt, die berufen sein werden, die Landesregierung von Thüringen zu bilden.

[…]

Die Zahl der Aufgaben, die von Ihnen und der künftigen Regierung zu lösen sind, ist riesengroß. Ich will nur einige andeuten ohne auf die näher einzugehen. Zunächst die Bildung der Landesregierung, ihre Gliederung in die Ministerien, die Herstellung baldiger Aktionsfähigkeit dieser Ministerien, die Bestimmung des Sitzes der wichtigsten größeren Behörden und ihre Neueinrichtung für den Gesamtstaat, die Neueinteilung der Verwaltungsbezirke und die Organisation des gesamten Verwaltungsapparates, eine neue Gemeinde- und Städteordnung, ein Gemeindeabgabegesetz, und die Verteilung der Lasten zwischen Staat und Gemeinden, die Organisation der Kommunalverbände, die Trennung von Kirche und Staat und die finanzielle Auseinandersetzung mit der Kirche, der Neuaufbau der Verwaltungsgerichtsbarkeit, die Ausgestaltung des Arbeitsnachweiswesens, die produktive Erwerbslosenfürsorge, die Hebung des Verkehrswesens in Thüringen, die Förderung der Volkswirtschaft durch Ausnützung unserer Wasserkräfte, die bessere Ausgestaltung des elektrischen Kraftnetzes, die Bekämpfung der Wohnungsnot und die Ausgestaltung des Siedlungswesens, die Durchführung aller auf dem Gebiete des Schulwesens im Flusse begriffenen Reformen, die einheitliche Gestaltung der Steuergesetzgebung auf den den Ländern gebliebenen Gebieten der Steuergesetzgebung, die moderne Ausgestaltung des Beamtenrechts, Vereinheitlichung und Neugestaltung der Berufsvertretungen aller schaffenden Stände, der Landwirtschaft, des Handels und des Gewerbes und die Schaffung eines Bezirkswirtschaftsrates, damit auch die Arbeiterschaft die ihr gebührende Berufsvertretung erhält, die finanzielle Auseinandersetzung zwischen den bisherigen Einzelstaaten und die straffe Durchführung einer der Not der Zeit entsprechenden sparsamen Finanzwirtschaft, die aber nicht dahin führen darf, daß Thüringen die Kulturaufgaben vernachlässigt, die es als ein heiliges Erbe der Einzelstaaten übernehmen muß, aus denen es sich gebildet hat.

Ich könnte die Liste der Ihnen bevorstehenden Aufgaben noch um eine beträchtliche Zahl vermehren, vor allem um solche, die wir wegen der Zuständigkeit des Reiches nur durch unsere Mitwirkung an der Reichsgesetzgebung lösen können. Auch jeder von Ihnen wird mit zahlreichen Wünschen hier angekommen sein, die er auf dem Herzen hat. Wir wollen nun mit frischem Mute ans Werk gehen. Um uns die große Arbeit zu erleichtern, dürfen wir uns vielleicht eins von vornherein geloben – und insoweit gestatte ich mir zu Ihnen nicht als Mitglied des Staatsrats, sondern als Mitglied des Landtags zu sprechen – wir wollen bei allem Widerstreit der politischen Gegensätze, die zu verbergen und zu verdunkeln keinen Wert hat, nie vergessen, daß wir Brüder eines Stammes, Erwählte eines Volkes sind, von dem heißen Streben erfüllt, nur das Beste zu tun und zu wollen für unser schönes Heimatland Thüringen.

Diesen mit Beifall aufgenommenen Worten folgte die Uebernahme des Präsidiums durch das älteste Mitglied des Hauses, Abg. Alander (D. V.); nach kurzen Worten der Begrüßung wird die Anwesenheit der Abgeordneten durch Aufruf festgestellt; im Anschluß daran vertagt sich das Haus für eine Stunde, damit den einzelnen Fraktionen Gelegenheit gegeben wird, zu der Frage der Präsidentenwahl Stellung zu nehmen.

Starke Flügelparteien gruppieren sich um eine kleine „Mitte der Arbeit“, die, allein möglich zur Geschäftsführung, doch Gegenstand es Wie und Was ist. – Der erfolgte Zusammenschluß des Rechtsblockes mit Deutschnationalen, Deutscher Volkspartei und Thüringer Landbund, der wie immer wieder zu einem Anhängsel gemacht worden ist und den man nicht als selbstständige Partei auftreten lassen will, gibt der Linken viel Diskussions- und Debattierstoff; sie hat infolgedessen unter Ueberbrückung sonstiger parteipolitischer Gegensätzlichkeiten auch ihrerseits den Zusammenschluß vollzogen. Rechtssozialisten und Unabhängige treten mithin im Thüringer Landtag ebenfalls als eine Fraktion auf.

So stehen sich Rechts und Links in scharf abgetrennten Gruppen gegenüber, doch steht zu hoffen, daß trotzdem im Interesse des Ganzen arbeitsfähige Mehrheitsbildungen zustande kommen.

Nach der Pause entwickelte sich bei der Präsidentenwahl, über die noch an anderer Stelle ausführlicher berichtet wird, eine sehr lebhafte, teilweise sogar sehr erregte Diskussion. Bei der Abstimmung wurde schließlich einstimmig der

Abg. Staatsrat Artur Drechsler-Gera (Unabh.)

Zum Präsidenten gewählt. Die Wahl der beiden Vizepräsidenten vollzog sich hierauf sehr glatt. Erster Vizepräsident wurde Staatsminister a. D. Bauer-Sondershausen (Dt. Vp.) mit 46 von 52 bei 6 ungültigen Stimmen, zweiter Vizepräsident wurde der bisherige Vizepräsident des Thüringer Volksrats, Staatsrat Mehnert-Altenburg (Dem.) mit 51 von 53 Stimmen. 2 Stimmen waren zersplittert.

Hierauf wurde nach längerer Geschäftsordnungsdebatte die nächste Sitzung auf Mittwoch, vormittags 10 Uhr, festgesetzt. Auf der Tagesordnung steht als einziger Punkt

Die Regierungsbildung für Thüringen.

Ueber die heutige Verhandlung wird in der nächsten Nummer dieser Zeitung ausführlich berichtet.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 20.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCrstenhaus_Weimar#/media/Datei:Weimar_F%C3%BCrstenhaus_2012.jpg