100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Gebt den Kindern mehr Zucker!

Das Luxusproblem einer übermäßig zuckerreichen Kindernahrung kannte die Weimarer Republik nicht. Die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Millionen Kinder sind unterernährt. Dora Martin, eine Hebamme aus Weimar, klagt das Elend an und kritisiert vor allem die Unterversorgung der Kinder mit zuckerreicher Nahrung, was die Anfälligkeit für zahlreiche Krankheiten erhöhe.

Historische Entwicklung der Kindersterblichkeit

Das Säuglingselend.

(Notschrei einer Hebamme.)

Große Töne, ja die größten Töne werden dauernd über die große Säuglingssterblichkeit geredet und geschrieben. Es werden Kinderheime eingerichtet, um alle die elenden, verhungerten, unterernährten Kinder aufzunehmen, deren es jetzt so viele gibt. Und alle die Heime sind voll, zumindesten recht gut besetzt und kosten dem Staate eine große Summe Geldes, was recht gut gespart werden könnte, bei einigermaßen besserer Lebensmitteleinteilung. – Der Kommunalverband sollte bei der Ausgabe der Lebensmittel für Säuglinge und Kleinkinder einen Kinderarzt zurate ziehen und fragen: „Was braucht ein Kind unbedingt zur Ernährung!“ Statt dessen wird drauflos gekürzt und immer mit den Ernährungsmitteln für Säuglinge gewechselt. Es gibt mal Haferflocken, mal Gerstennahrung, mal Zwieback, mal Keks und wer weiß was noch alles durcheinander. Jeden Monat etwas anderes. Und da soll ein Säugling gedeihen? Es ist ausgeschlossen, daß ein Säugling mit künstlicher Ernährung gedeihen kann bei dauernd wechselnden Nahrungsmitteln. Auf diese Weise fehlt den Kindern das Nötigste, die gute Ernährung – und – Muttermilch. Wie soll ein kräftiger Nachwuchs denn gedeihen bei der schlechten Ernährung, die die Mütter schon während der Schwangerschaft haben? Die wenigen Brotzusatzmarken reißen die Sache nicht heraus. Sind dann die Kinder da, so können die Mütter nicht stillen. 14 Tage bis 3 Wochen oder ein- bis zweimal am Tage ist nicht ausreichend. Trotz hoher Stillprämien und dem besten Willen der Mütter geht’s eben nicht. Das Kind muß die Flasche nebenher bekommen und bald ganz ausschließlich muß zur künstlichen Ernährung geschritten werden, und dazu gehört Zucker. 2 ½ Pfund Zucker sind zur künstlichen Ernährung eines Säuglings und überhaupt für ein Kleinkind im Monat gerade eben ausreichend, nicht etwa zuviel. Und von dem Wenigen muß noch abgezogen werden, damit man hintenrum auf unlauterem Wege den Zucker zentnerweise das Pfund für 20 M. kaufen kann. Das ist eine Schande! Wie ist das in einem so geordneten Staate möglich? – Wenn man dauernd die Klagen der Mütter hört und den Jammer der armen Würmer sieht, die in diesen für Kinder so gefährlichen Monaten Juli, August schwer darmkrank und an Brechdurchfall, der Schrecken aller Mütter, daliegen, widerstandslos gegen Erkältungskrankheiten, Seuchen und Rhachitis sind, dann versteht man die Flüche, die ein so gequältes Mutterherz gegen die schleudert, die ihrem Kinde alles entziehen und es doch in der Hand hätten, soviel Gutes zu stiften mit einer richtigen, sachgemäßen Verteilung.

Es ist unbedingt nötig, daß einem Kinde vom ersten Tage seines Lebens an 3 Pfund Zucker monatlich (als Mindestmaß), dazu auch 100 Gramm Butter jede Woche zuerkannt werden. Was der Säugling nicht braucht, kommt der Mutter, die ja auch der Stärkung so nötig bedarf, nach dem Wochenbett und den vielen unruhigen Nächten zugute, und von da in der verbesserten Muttermilch dem Kinde. Dann sollte man Gewicht auf eine gute Qualität Haferflocken legen, die immer käuflich ohne Marken sein sollte. (Bittere Haferflocken werden von den Kindern schlecht vertragen.)

Jeder könnte hier mithelfen, auch die Leute, die keine Kinder haben, sie alle können markenfreien – Schleichhandelszucker zurückweisen und diejenigen anzeigen, die ihnen solches Angebot machen; damit der Zucker der Hauptverteilungsstelle zufließt, auch ihnen zum eigenen Vorteile. Dies soll mal eine Anregung sein, daß jeder mitarbeiten kann an Deutschlands moralischer Höhe und Deutschlands Kindern den Boden für eine bessere Zukunft schaffen und eine bessere Gesundheit; denn Deutschlands Zukunft, Deutschlands Heil liegt in einem gesunden Nachwuchs.

Schwester Dora Martin, Hebamme,

Oberweimar Nr. 16.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 19.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kindersterblichkeit#/media/Datei:Child-mortality.svg