100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Genug der schwarzen Schande!“

Die Debatte über die Verwendung von afrikanischen und asiatischen Kolonialtruppen im Rahmen der französischen Besetzung des Rheinlandes beschäftigt weiter die deutsche Öffentlichkeit. Dieser vom ehemaligen Reichskanzler Max von Baden und Mitgliedern der liberal geprägten Heidelberger Vereinigung unterzeichnete Aufruf zeigt zwar Verständnis für die undankbare Lage der Kolonialtruppen, aber dockt klar an dem rassistischen Denkmuster über vermeintlich triebgesteuerte Farbige an.

Parade marokkanischer Truppen in Frankfurt am Main, April 1920

Appell an die gesamte Kulturwelt.

Genug der schwarzen Schande!

Der rheinische Frauenbund, dem Frauen aller Stände, Parteien und Konfessionen angehören, hat dieser Tage einen ergreifenden Protest gegen die zahlreichen Angriffe der französischen Besatzungstruppen auf die Ehre deutscher Frauen und Mädchen im Rheinland veröffentlicht. Der Bund konnte 29 Fälle mit genauen Angaben als Belege anführen. Dabei waren 17 farbige Soldaten die Täter.

Uns unterzeichneten Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft für eine Politik des Rechts (Heidelberger Vereinigung) sind weitere neun Fälle nach Namen der Geschädigten, nach Ort und Zeit des Vergehens und mit manchen grauenerregenden Einzelheiten bekannt. Elfjährige Knaben, Mädchen in kaum heiratsfähigem Alter und hochbetagte Frauen befinden sich unter den Opfern, doch es besteht Grund zu der Befürchtung, daß auch damit die traurige Liste noch nicht abgeschlossen ist, da naturgemäß die Scham viele der Betroffenen zurückhält, der Oeffentlichkeit preiszugeben, was ihnen widerfahren ist. Der Zustand der Knechtschaft, in den man das ganze rheinländische Volk verletzt hat, verschließt in vielen Fällen den Opfern den Mund und wird in anderen den Widerstand lähmen. Alle Vorstellungen der deutschen Behörden haben bis jetzt keine durchgreifenden Besserungen erzielt. Es bleibt nur der eine Schluß übrig, daß die französischen Offiziere entweder nicht die Macht oder nicht den Willen haben, die unerhörten Zustände zu beseitigen. Die Versuche der französischen Regierung, die einwandfrei bezeugten Tatsachen abzuleugnen, können wir uns nur dadurch erklären, daß sie von nachgeordneten Stellen nicht wahrheitsgemäß unterrichtet ist.

Wir bedauern aufs tiefste die aus anderen Erdteilen stammenden Männer, die fern von ihrer Heimat im Dienst eines die Grenzen der eigenen Volkskraft weit überspannenden Militarismus von einem fremden Gebiet ins andere gehetzt werden. Nicht sie tragen die Schuld, daß die Zivilisation unseres Jahrhunderts in dieser Weise gefährdet wird, sondern die weißen Machthaber, deren willenloses Werkzeug sie sind. Gegen diese Gewalthaber appellieren wir an die gesamte Kulturwelt, an alle gerecht und ritterlich denkenden Frauen und Männer, auf daß sie alle Macht aufbieten, damit die Besetzung europäischen Landes durch farbige Truppen und den damit verbundenen unvermeidlichen Folgen endlich ein Ende gemacht werde. Gleichzeitig sprechen wir tiefgefühlten Dank allen den Menschenfreunden aus, nicht zuletzt denen in den vormals feindlichen Ländern, die aus eigener Initiative unserem Appell schon zuvorgekommen sind.

Prinz Max von Baden. Staatsrat Dr. Ludwig Haas. Gräfin Pauline Montgelas. Graf Max Montgelas. Frau Lina Richter. Frau Marianne Weber.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 1.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_07_0005.tif

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Black_Horror_on_the_Rhine#/media/File:3e_ri_entrait_%C3%A0_Francfort_Illustration_1920.JPG