100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Keinen Waggon der Konterrevolution“

Deutschland verhält sich gegenüber dem Polnisch-Sowjetischen Krieg offiziell neutral. Das bedeutet auch, dass weder Kriegsmaterial noch Truppen über deutschen Boden transportiert werden dürfen. Die linkssozialistische Neue Zeitung beharrt auf diesen Bestimmungen und geißelt den Transport von (zunächst bewaffneten) tschecho-slowakischen Kriegsgefangenen durch Thüringen. Das Blatt bezweifelt, dass die Männer tatsächlich Gefangene gewesen seien und vermutet einen verkappten Truppentransport zuungunsten Sowjetrußlands.

Deutscher Truppentransport per Zug (1914)

Die verkappten tschecho-slowakischen Truppentransporte auch durch Jena.

Vor einigen Tagen berichteten wir über den mysteriösen Transport angeblich tschecho-slowakischer Kriegsgefangener, die, in neuen amerikanischen Uniformen und mit Waffen versehen, durch Sachsen geleitet wurden. Von zuständiger Stelle wurde damals erklärt, daß es sich nicht um verkappte Ententetruppen handele, sondern tatsächlich um tschechisch-slowakische Kriegsgefangene, die von Rußland über Amerika kamen und nunmehr nach ihrer Heimat zurücktransportiert werden sollten. Gestern kam es bei der Durchfahrt eines Transportzuges von etwa 1.300 Mann Tschechoslowaken in Hamburg wieder zu einem Zwischenfall. Die Hamburgische Arbeiterschaft hielt den Transport auf dem Unter-Elbe-Bahnhof an, stellte dann aber durch eine Kommission fest, daß es sich tatsächlich um Heimkehrer aus Sibirien handele, die aber in Besitz von Seitengewehren und Pistolen waren. Nach Abnahme der Waffen wurde der Transport wieder freigelassen.

Solche Truppen passierten gestern nun auch Jena.

Der Betriebsrat der Eisenbahner hatte sich in seiner Verlegenheit mit der Jenaer Polizei verständigt. Dies muß verwundern, da den Eisenbahnerorganisationen laut Beschluß vom 25. Juli alles Fahren von Heeresgut und Truppen als Neutralitätsbruch gegen Rußland geziehen wird. Nach Einlaufen des Zuges wurde festgestellt, daß die Insassen in Hamburg entwaffnet worden waren und sich auf der Reise nach Bodenbach befanden. Fahrscheine oder sonstige Ausweise besaßen die neu Eingekleideten nicht, dafür aber Fahrkarten, die von Cuxhaven über Leipzig, Tetschen, Bodenbach lauteten. Sachsen hat es abgelehnt, den Transport passieren zu lassen. Von Saalfeld erhielt später der Betriebsrat der Eisenbahner Jenas die tröstliche Antwort, daß der Transport bis zur endgültigen Klarstellung nicht weiter bedient wird. Der Regierungsrat Bretternitz aus Erfurt teilte dem Betriebsrat später mit, daß der Transport einwandfrei sei und nicht den Neutralitätsbestimmungen gegen Sowjetrußland widerspräche. Betriebsrat Schacher erwiderte, daß die Jenaer Eisenbahner solange die Transporte nicht weiterbefördern, bis sie nicht im Besitz einer Direktive des Vorstandes des Deutschen Eisenbahnerverbandes wären. In Saalfeld hatte die Meinung des Regierungsrates jedenfalls die Wirkung, daß, wie uns mitgeteilt wurde, der Transport weitergeleitet wurde. Gegen 11 Uhr nachts fuhr wieder ein Transportzug ohne Aufenthalt durch die Station Jena.

Von anderer Seite wird uns noch mitgeteilt, daß die Führer der Truppen sich ganz energisch gewehrt hätten, als Gefangene bezeichnet zu werden. Jedenfalls liegt nicht die geringste Ursache vor, auch nur einen dieser mysteriösen Transporte zu befördern.

Es ist die internationale Konterrevolution, die umherschleicht unter der Maske harmloser Gefangenentransporte. Deswegen halten wir es für unsere Pflicht, die Eisenbahner daran zu erinnern, daß es nur eine Parole geben kann: Keinen Waggon der Konterrevolution durch Deutschland!

Quelle:

Neue Zeitung vom 29.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenbahn#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1994-022-19A,_Mobilmachung,_Truppentransport_mit_der_Bahn.jpg