100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Mit Bomben gegen Pazifisten

Auch die Weimarer Republik kannte das Problem des Terrorismus. So war der linksgerichtete Internationale Bund der Kriegsbeschädigten und -Hinterbliebenen das Ziel eines Bombenanschlags, bei dem zahlreiche Personen verletzt wurden. Die linkssozialistische Neue Zeitung vermutet hinter dem Anschlag das Wirken der Reaktion, die auch nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches nicht besiegt sei.

Hauptbahnhof von Hagen, 1920

Ein politisches Attentat.

Der Internationale Bund der Kriegsbeschädigten und –Hinterbliebenen hatte zu Montag abend 7 Uhr in der Turnhalle in Hagen i. W. eine Kundgebung für den Weltfrieden und Völkerversöhnung einberufen, in der der Bundesvorsitzende Karl Tiedt-Berlin sprechen sollte. In dem Augenblick, wo der Referent das Lokal betrat, erfolgte in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal eine starke Explosion, durch die zahlreiche Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Der Saal gleicht einem Trümmerhaufen. Die nähere Untersuchung ergab, daß die Explosionsstoffe unter dem Ofenfuß bis an den Treppenaufgang zur Bühne gelagert waren. Genosse Tiedt wurde nicht verletzt und richtete an die vor dem Gebäude Versammelten eine Ansprache, in der er darauf hinwies, daß der Internationale Bund sich nicht abhalten lasse, trotz alledem seinen Kampf gegen die Dreieinigkeit: Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus zu führen.

Das WTB. berichtet darüber noch das folgende:

Während einer stark besuchten Versammlung, die der Internationale Bund der Kriegsbeschädigten und –Hinterbliebenen Montag abend in der hiesigen Tonhalle abhielt, um für Völkerfrieden und Völkerversöhnung zu demonstrieren, flog der in der Nähe des Rednerpultes aufgestellte große eiserne Ofen mit gewaltigem Getöse in die Luft. Die Decke ist an verschiedenen Stellen durchschlagen. Sämtliche Fensterscheiben sind zertrümmert und Stühle und Tische durcheinander geworfen. Etwa 40 Personen wurden verletzt, darunter eine Anzahl lebensgefährlich. Die sofort vorgenommene kriminalpolizeiliche Untersuchung ergab, daß im unteren Teil des eisernen Ofens neben dem Aschenkasten eine Anzahl Handgranatensprengkapseln verborgen gewesen war. Man glaubt, daß die Entzündung durch eine in den Ofen geworfene Zigarette entstanden ist.

Hoffentlich wird die Untersuchung so einwandfrei geführt, daß die Urheber dieses Verbrechens bekannt und zur Rechenschaft gezogen werden. Es handelt sich um ein politisches Attentat, hinter dem dieselben Kreise stehen, die in den letzten Monaten ganz systematisch pazifistische Versammlungen zu sprengen versuchten und die dabei selbst vor Mordversuchen nicht zurückschrecken. Das Attentat beweist aber auch, daß die Reaktion wieder sehr rührig geworden ist. Mit verbrecherischen Anschlägen auf pazifistische Versammlungen wurde der Kapp-Putsch eingeleitet. Sollten die Vorbereitungen zu einem neuen Schlag gegen die Republik schon wieder so weit gediehen sein, daß durch Vorfeldgefechte das Kampfgelände abgetastet wird, um die geeignete Basis zum Hauptangriff zu finden?

Quelle:

Neue Zeitung vom 8.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hagen#/media/Datei:Hagen_Hauptbahnhof.jpg