100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Neue Volksbeauftragten für Gotha

Das Land Thüringen ist gegründet, aber übergangsweise bestehen die Regierungen der fusionierten Teilstaaten und deren Landtage weiter fort. In Gotha war im Mai eine Neuwahl nötig geworden, nachdem der Streit zwischen der linksradikalen Landesregierung und der Reichsregierung eskaliert und eine Reichsexekution ausgesprochen worden war. Die Neuwahl bringt einen deutlichen Rechtsruck mit sich, deren Konsequenz eine Koalitionsregierung aller Parteien mit Ausnahme der USPD war. Der sozialistisch geprägten Landesverfassung gemäß müssen die Rechtsparteien ironischerweise eine Regierung der "Volksbeauftragten" bilden.

Otto Liebetraut (1855-1928)

Die neue Regierung in Gotha.

Die „Thüringer Landes-Zeitung“ in Gotha schreibt:

Nach mancherlei Fährlichkeiten ist der Gothaische Landtag heute dazu gekommen, die neue Regierung zu bilden. Die Absicht einen größeren Anzahl der Bürgerlichen, dabei von politischen Gesichtspunkten abzusehen und ein reines Beamtenministerium zu bilden, an dessen Stelle den wohlbewährten Reichskommissar Dr. Holle zu setzen (von anderer Seite wurde auch der Name Hentig genannt), wäre wohl möglich gewesen, wenn man diesen zum „Volksbeauftragten“ ernannt und ihm zwei Räte als Mit-Volksbeauftragten zur Seite gesetzt hätte, denn von den drei Volksbeauftragten kommen wir nach der bekannten Verfassung vom 27. Dezember 1919 nicht los. Gegen solch ein Beamtenministerium aber zog nicht allein das „Volksblatt“ in einer Weise los, die jeder Verantwortung spottet, sondern es wurden auch Bedenken laut, weil es dem „demokratischen Geiste“ widerspreche, wenn die neue Regierung nicht durch die politischen Parteien geschaffen und gestützt würde. Nach manchem Her und Hin wurde dies als beachtenswert anerkannt, und die einzelnen Parteien machten Vorschläge, aus denen als die neuen „Volksbeauftragten“ die Herren Oberbürgermeister Otto Liebetrau-Gotha, Syndikus Pfeffer-Gotha und Schultheiß Heyn-Friemar hervorgegangen sind. Die U. S. P. lehnte jede Regierungsbeteiligung ab, obwohl man sogar soweit ging, ihr zwei Sitze in der Regierung anzubieten.

Oberbürgermeister Liebetrau wurde von demokratischer Seite genannt. Das ist der Beweis eines sehr erfreulichen Umschwunges in der Stimmung der Partei; denn als der Name des Oberhauptes unserer Stadt bei den Vorschlägen zur demokratischen Liste für die erste Gothaer Landesversammlung sehr lebhaft genannt wurde, veranlaßte der von den Herren Dr. Gutmann, Hose und Fock geführte Widerspruch, der sich  darauf gründete, Herr Liebtrau sei „durch seine Vergangenheit zu sehr bloßgestellt“, daß die außerordentlich wichtige und für unser Land geradezu unentbehrliche Arbeitskraft „kaltgestellt“ wurde; auch bei der zweiten Landtagswahl fehlte sein Name auf der Liste. Welch großer Fehler das war, das haben die Ereignisse gerade der letzten Tage recht eindringlich gezeigt, und es ist zu begrüßen, daß nun diese Arbeitskraft für unsere Heimat nutzbar gemacht ist. Das erkennen auch diejenigen an, die den politischen Standpunkt des Gewählten nicht teilen, zumal auch im Hinblick auf die Zukunft der Stadt Gotha und ihre Stellung im Thüringer Staate.

Die Deutsche Volkspartei hat in dem Syndikus Dr. Pfeffer ein jung aufstrebendes Talent herausgestellt, das, einer hochangesehenen Gothaer Familie entsprossen, in seiner Tätigkeit am hiesigen Landratsamt sich hervorragend bewährte, als der Vertreter des Arbeitgeberverbandes es verstanden hat, bei zahlreichen Verhandlungen in Lohn- und Standesfragen sich die Anerkennung und das Zutrauen auch weiter Arbeitskreise zu sichern, so daß auch nach dieser Richtung hin für die Allgemeinheit nur ersprießliche Folgen zu erwarten sind.

Der Dritte im Bunde, Schultheiß Heyn aus Friemar, ist der Gothaer Bauernschaft so wohl bekannt und wegen seiner besonderen beruflichen, wie menschlichen Eigenschaften allgemein geachtet und geschätzt, daß seine Wahl an führende Stelle überall mit Freude und Genugtuung begrüßt werden wird. Darf doch mit Sicherheit erwartet werden, daß er nicht nur die Interessen des Bauernstandes in vollstem Maße wahrnehmen wird, sondern daß seine reiche Erfahrung, sein weiter Blick auch dem ganzen Lande zum Segen und zum Vorteil gereicht.

So darf von der neuen Regierung erwartet werden, daß es ihr gelingt, der außerordentlich großen Schwierigkeiten, die die nächste Zukunft bringen wird, Herr zu werden und unserem Lande die Ruhe und Stetigkeit zu bringen, woran es bisher so sehr gefehlt hat. Freilich wird das nur möglich sein, wenn alle Kräfte fest zusammenstehen gegenüber dem gewaltigen Ansturm der finsteren Mächte des Umsturzes und des Verderbens. Das Dunkel beginnt sich zu lichten, möchte es bald ganz hell werden in unserer Heimat, im deutschen Vaterlande!

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 3.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Liebetrau#/media/Datei:Otto-Liebetrau-CTH.JPG