100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Pazifist an der Lehre gehindert

Die politischen Verhältnisse führen dazu, dass auch die parteipolitischen Gegensätze auch an den Universitäten ausgetragen werden. Der Pazifist, Arzt und Soziologe Georg Friedrich Nicolai hatte sich schon im Oktober 1914 gegen den Weltkrieg ausgesprochen und wurde daraufhin von rechts scharf angegriffen. Nach dem Krieg konnte er seine Lehrtätigkeit aufgrund von Angriffen durch nationalistische Studenten nicht wieder aufnehmen. Die Universitätsleitung stellte sich nicht hinter Nicolai, sondern kannte ihm seine Lehrbefugnis ab. 1922 emigrierte Nicolai nach Lateinamerika. Die linkssozialistische Neue Zeitung sieht den Fall als Armutszeugnis der sozialdemokratischen Bildungspolitik, die nicht entschieden genug gegen rechte Gesinnung an den Universitäten vorgehe.

Georg Friedrich Nicolai

Konrad Haenischs Kapitulation.

Wie bekannt, hatten vor einigen Monaten reaktionäre Studenten der Berliner Universität die Vorlesungen Prof. Nicolais gewaltsam gesprengt und ihn am weiteren Abhalten seiner Vorlesungen gehindert. Prof. Nicolai rief darauf zum Schutz seiner Lehrtätigkeit den Senat an, der kurz vor dem Kapp-Putsch, unter Vorsitz des Rektors Meyer, den Entscheid gab, daß Professor N. infolge seiner pazifistischen Betätigung während des Krieges unwürdig sei, weiterhin an der Universität zu lesen.

Jetzt hat zur Beseitigung des Konfliktes der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einen Erlaß an Rektor und Senat der Universität Berlin gerichtet, in dem das Urteil des Senats gegen Nicolai darauf zurückgeführt wird, daß der Senat bei der Beurteilung der Angelegenheit geglaubt hat, in einem Streit zweier Parteien einen Schiedsspruch fällen zu sollen, dem sich der unterliegende Teil zu unterwerfen habe. In dem Erlaß des Ministers heißt es dann weiter:

Bei dieser Beurteilung der Sachlage habe ich die völlige Ueberzeugung aller bei dem Verfahren Beteiligten von der Richtigkeit ihres Vorgehens und ihrer Uebereinstimmung mit meinen Anschauungen unbedenklich vorausgesetzt; insbesondere richtet sich keine meiner Erklärungen gegen einzelne Personen, sondern lediglich gegen die m. E. irrige Einschätzung der Situation. Die Annahme des Senats, daß in diesen Verlautbarungen für die Disziplinarbehörde der Universität wie für den Senat eine schwere Verletzung gelegen habe, entbehrt daher tatsächlich der Begründung. Nach wie vor ist ausschließlich mein Ziel, das durch das Verhalten eines Teiles der Studentenschaft zweifellos verletzte Recht der Lehrfreiheit sicherzustellen. In der Ueberzeugung von der Berechtigung dieser Sorge weiß ich mich mit dem Senat eins. Ich vertraue deshalb darauf, daß, wenn Prof. Nicolai nach weiteren Verhandlungen mit mir den Wunsch nach Wiederaufnahme, seiner Vorlesungen äußern wird, der Senat für einen ungestörten Verlauf der Amtstätigkeit Nicolais jede notwendige Vorsorge treffen wird.

Gez. Haenisch.

Obgleich Prof. Nicolai seine Vorlesungen nun wieder aufnehmen wird, so kann uns die Lösung des Falles Meyer (und darum handelt es sich) durchaus nicht befriedigen. Der Erlaß Haenischs bedeutet weiter nichts, als daß scheinbar der Rektor Meyer sich den Anordnungen des Kultusministers gefügt hat, tatsächlich aber hat Haenisch vor dem Reaktionär Meyer kapituliert. Denn nichts anderes ist es, wenn der Erlaß des Ministers von dem Urteil des Senats als von einer „irrigen Einschätzung der Situation“ spricht. So werden wir bald dahin kommen, daß der Rektor Meyer sein Eintreten für die Kappregierung ebenfalls mit der „irrigen Einschätzung der Situation“ entschuldigen wird. Und Haenisch wird’s ihm glauben. Schon, um nicht zu Taten gezwungen zu sein.

Quelle:

Neue Zeitung vom 14.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Nicolai#/media/Datei:Georg_Friedrich_Nicolai.jpg