100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Schwarze Leben zählen für sie nicht

Die Pressekampagne gegen die „schwarze Schmach am Rhein“ ist offenkundig rassistisch, doch wenige Wortmeldungen in dieser Debatte sind so radikal wie der hiesige Vorschlag der Deutschamerikanerin Ray Beveridge „die Neger am nächsten Baum aufzuknüpfen“, um der „Schändung deutscher Frauenehre“ Einhalt zu gebieten. Beveridge wird sich in späteren Jahren, ebenso wie der im Artikel genannte Edwin Emerson, der NS-Bewegung anschließen.

Propagandaplakat von 1923

Amerikaner gegen die schwarze Schmach am Rhein.

Die in Berlin weilenden Amerikaner veranstalten gemeinsam mit den rheinischen Frauenvereinen in der Universität eine Massenkundgebung gegen die Versammlung schwarzer französischer Truppen im besetzten deutschen Gebiet. Unter den Anwesenden bemerkte man viele Mitglieder der amerikanischen Kolonie und bekannte Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung. Als erster Redner sprach Oberst Emerson. Er gab als Grund dafür, daß von Amerikanern die Einspruchsversammlung ausgeht, an, daß die Rhein- und Saarländer, sowie die Pfälzer unter großer Bedrückung durch die Besatzungstruppen und Knechtung ihrer Presse litten. Darum habe sich die ganze Kulturwelt ihrer annehmen müssen. Emerson verlas Stimmen der amerikanischen Presse, die sich gegen die schwarze Schmach im Rheinland wendeten. „Wenn Unmenschen in französischer Uniform“, führte Emerson weiter aus, „ihre ungezügelten Gelüste an wehrlosen Frauen und Mädchen auslassen, so ist das ein Verbrechen des einzelnen. Aber es ist auch die Schuld des ganzen Systems. Was die Wilden jetzt in Europa lernten, wird sich noch fürchterlicher an der ganzen weißen Rasse rächen. An der Tatsache der zwangsweisen Einrichtung von Bordellen ist erwiesen, daß in der Sache des Lasters die weißen Franzosen ihren schwarzen und braunen Untergebenen mit schlechtem Beispiel vorangehen. Die Franzosen zeigen durch ihr Verhalten, wie wenig sie sich um den Ekel ihrer Mitmenschen in der ganzen Welt kümmern. Gerade darin liegt für die Amerikaner, ebenso wie für die Deutschen, das innerste Wesen der schwarzen Schmach.“ Den größten Eindruck machte die Rede von Miß Ray Beveridge. Sie erklärte deutsch sprechen zu müssen, denn sie fühle und denke deutsch und liebe das deutsche Volk. Rednerin tadelte nicht nur Frankreich, sondern alle Siegerstaaten, daß sie zugaben, daß wilde Völker nach Europa gebracht wurden. Vor allem aber sei Wilson zu tadeln, weil er das gläubige deutsche Volk veranlaßt habe, im Vertrauen auf seine 14 Punkte die Waffen fortzuwerfen und einen Frieden zu schließen, der eine solche Schmach an die Ufer des Rheins verpflanzte. Miß Beveridge schilderte die grauenhaften Zustände, die infolge der farbigen Besatzung im besetzten Gebiet herrschten und appellierte an das Gewissen der ganzen Welt, vor allem aber weißen Frauen, nicht nachzulassen im Kampf gegen die Versammlung farbiger Truppen am Rhein und überhaupt in Europa. Miß Beveridge kennt Deutschland und weiß aus eigener Erfahrung, daß die Frauen nirgends geschützter waren als hier. Wie aber sehe es jetzt am Rhein, in der Pfalz und im Saargebiet aus, wo keine deutsche Frau und kein deutsches Kind sich allein in den deutschen Wald wagen dürfe! Rednerin empfahl schließlich den entwaffneten deutschen Männern im besetzten Gebiet, jeden Neger, der bei einem Sittlichkeitsverbrechen ertappt wird, ohne weiteres an den nächsten Baum zu knüpfen! – Nachdem noch mehrere Redner und Rednerinnen diese Ausführungen ergänzt [hatten], wurde einstimmig beschlossen, folgenden Funkspruch an alle Frauen der Welt abzusenden:

„Nach Anhörung entrüsteter amerikanischer und neutraler Stimmen gegen ungezügelte Negergreuel gegen wehrlose Frauen im französisch besetzten Gebiet in Deutschland, bitten die versammelten Vertreter der führenden deutschen Frauenvereine ihre Mitschwestern überall in der Welt um Mitgefühl und Einsetzung ihres weiblichen Einflusses gegen weitere Schändung deutscher Frauenehre im Rheinland.“

Quelle:

Weimarische Landeszeitung vom 16.7.1920

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Black_Horror_on_the_Rhine#/media/File:Carte_postale_raciste_antifran%C3%A7aise_et_anti-tch%C3%A8que_allemande_1923.jpg