100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Selbstmord eines Prinzen

Der jüngste Sohn des ehemaligen Kaisers Wilhelm II. hatte am 18. Juli den Freitod gewählt. Während die Nachricht in der übrigen Presselandschaft eher wenig Widerhall findet, bringt die rechtsnationalistische Jenaische Zeitung einen ausführlichen Bericht über die Umstände des Todes von Joachim, dessen Beerdigung ohne seine Eltern stattfand.

Joachim von Preußen (1890-1920, hier etwa 1905)

Die Tragödie von Potsdam.

Zum Ende des Prinzen Joachim.

-er. Berlin, 20. Juli.

Seit dem Zusammenbruch des deutschen Kaisertums scheint auch das private Glück aus dem Familienkreise der Hohenzollern gewichen zu sein. Prinz Joachim, der jüngste der Söhne Wilhelms II., der dem Herzen seiner Mutter besonders nahestand, hat in einem Ausbruch vollständiger Nervenzerrüttung Selbstmord begangen. Außer der Krankheit seiner Mutter waren es noch andere mißliche Lebensumstände, die zu der Tat geführt haben. Prinz Joachim Franz Hubert (sein Pate war König Hubert von Italien) ist stets das Sorgenkind seiner Eltern gewesen. Er war zum Unterschied von seinen Brüdern klein von Wuchs, schmächtig und wohl auch kränklich. Schon zu Anfang des Krieges wurde er an der Ostfront als Ordonannzoffizier bei einem höheren Stabe durch eine russische Kugel schwer verletzt, nahm seinen Abschied und lebte seitdem als Rittmeister a. D. in Potsdam.

Im März 1916 vermählte er sich mit der Prinzessin Marie von Anhalt. Die Ehe, der ein Sohn, Karl Franz Josef, jetzt im 4. Lebensjahre stehend, entsproß, war nicht glücklich. Die Prinzessin trennte sich im vorigen Jahre von dem Prinzen und neuerdings Schritte zur Ehescheidung eingeleitet. Dieses schwere Familienschicksal mag ebenfalls dazu beigetragen haben, das Dasein des dreißigjährigen Prinzen zu verdüstern. Dazu kamen noch Existenzsorgen. Prinz Joachim wähnte in seiner bedrückten Gemütsstimmung, der preußische Staat wolle ihm bei der Auseinandersetzung mit der ehemaligen Krone sein Wohnhaus, die am Eingange zum Park von Sanssouci gelegene Villa Liegnitz, nehmen. Tatsächlich hat sich ja die Lage der Krone nach der letzten Auseinandersetzung im preußischen Parlament etwas verschlechtert. Aber für das Aufkommen der Kaisersöhne ist trotzdem immer noch auf absehbare Zeit hinaus ausreichend gesorgt. Insbesondere hätte man dem Prinzen Joachim, der die Nutznießung an der Villa Liegnitz besitzt, dieses Recht Zeit seines Lebens auf keinen Fall genommen.

Villa Liegnitz

Prinz Joachim sah seine Zukunft in den düstersten Farben. Um ihn aus diesem Zustand seelischer Zerrüttung zu heben, erhielt er in der Person des Obersten v. Steuben, des früheren Kommandeurs des Militärwaisenhauses, einen Sachwalter. Der Prinz scheint aber diese Fürsorge als unerträgliche Bevormundung aufgefaßt zu haben. Er wurde immer menschenscheuer und mißtrauischer. Oberst v. Steuben setzte sich schließlich mit dem Prinzen Eitel Friedrich in Verbindung, der in der Villa Jugenheim in Potsdam lebt und als Bevollmächtigter des Kaisers die Interessen der Hohenzollernschen Familie vertritt und die Auseinandersetzung mit dem Staate führt. Während die beiden Herren noch über die Verschlimmerung des Zustandes des Prinzen Joachim berieten, fand man diesen sterbend auf. Er verschied in den Armen seines Bruders.

Das Prinzenpaar Eitel Friedrich hat den kleinen dreijährigen Prinzen Franz Karl in Obhut genommen. Zu der Beerdigung des unglücklichen Kaisersohnes werden sich einfinden die ehemalige Kronprinzessin Cecilie, die bisher mit der Herzogin Viktoria Luise von Braunschweig in Rügen weilte. Außer dem Kronprinzen, der in seinem Exil in Vieringen festgehalten ist, werden an der Bahre ihres Bruders eintreffen Prinz Adalbert aus Homburg v. d. H., Prinz August Wilhelm, zurzeit Volontär im Bankhause F. W. Krause in Berlin, und Prinz Oskar aus Mecklenburg. Es wird eine stille Trauerfeier im engsten Familienkreise abgehalten. Die ehemalige Kaiserin liegt in Holland so schwer krank darnieder, daß man es kaum wagt, ihr den Tod ihres jüngsten Sohnes mitzuteilen. Prinz Eitel Friedrich, der wegen der Verschlimmerung des Leidens seiner Mutter nach Schloß Doorn reisen wollte, hat die Fahrt aufgegeben, um das Begräbnis seines Bruders in Potsdam zu leiten.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 21.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_07_0108.tif

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_von_Preu%C3%9Fen#/media/Datei:Prince_Joachim_of_Prussia.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Liegnitz#/media/Datei:Potsdam_Villa_Liegnitz_Ansicht.jpg