100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Sünde wider das Parteidogma

Die Jenaische Zeitung klärt auf, aus welchem Grund Karl Kautsky aus der USPD verbannt wird. Der Marxist galt eigentlich als der bedeutendste Parteitheoretiker, doch habe er in den Augen der USPD-Führung gegen die eigene sozialistische Orthodoxie verstoßen.

Karl Kautsky (Mitte, sitzend) mit georgischen Sozialdemokraten in Tiflis, 1920

Gegen Kautsky

Aus Kassel meldet der „Vorwärts“: Bei der Bezirkskonferenz der U.S.P.D. in Hessen-Waldeck am 11. Juli wurde die Resolution einstimmig angenommen, Kaustky aus der U.S.P.D. auszuschließen. Auch über den Ausschluss des Chefredakteurs der „Freiheit“, Hilferding, wurde verhandelt.
Wie kommen die Unabhängigen zu diesem Zorn gegen Kaustky, der doch vielfach als der unfehlbare Dogmatiker der Partei galt? Des Rätsels Lösung gibt ein Artikel, den Kautsky kürzlich in zahlreichen sozialdemokratischen Zeitungen veröffentlichte. Darin sagte er:
„Sozialistische Produktion ist nicht von heute auf morgen durchzuführen, darüber ist sich jeder klar, der eine Ahnung von ökonomischen Dingen hat. Das Proletariat selbst ist bei blühender kapitalistischer Produktion besser dran als bei einem Sozialismus, der unzureichend produziert. Der Sozialismus, der das Proletariat befreien soll, muss mehr produzieren als der Kapitalismus.“

Damit hat Kautsky zweifellos recht – aber die Sünde gegen das Parteidogma fordert, dass er in die Wüste gesandt wird.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 17.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_07_0090.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Kautsky#/media/Datei:E._Klar._Kautsky_in_Georgia_1920.jpg