100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Tod eines Spitzels

Polizei und Reichswehr bildeten bereits früh ein weit verzweigtes Netzwerk zur Inlandsspionage heraus. Ziel war die Überwachung vor allem linksradikaler Organisationen und Aktivisten, aber auch die Abwehr teils echter, teils nur vermuteter Spionageaktivitäten der Sowjetunion. Am 2. August 1919 war der Polizeispitzel Karl Blau enttarnt und ermordet worden. Die Leiche wurde in den Landwehrkanal geworfen. Die linkssozialistische Presse berichtete ausführlich über den Prozess, der vielfältige Einblicke in die Struktur des Spionagewesens bot. Pikant war auch, dass der Anstifter des Mordes ebenfalls ein Polizeispitzel war, der auf diese Weise versucht hatte seine Tarnung aufrecht zu erhalten.

Landwehrkanal (Foto von 1902)

Der Berliner Kommunistenprozeß.

Die Ermordung des Polizeispitzels Blau.

4. Verhandlungstag.

Als erster Zeuge wird Kriminalkommissar Dr. Riemann vernommen. Er berichtet über die Auffindung der Leiche. Die Untersuchung des bei der Leiche gefundenen Koffers ergab, daß der Besitzer als Spitzel sowohl im Dienste der Antibolschewistischen Liga sowie verschiedener militärischer Nachrichtenstellen in München gestanden hatte. Es fand sich eine Korrespondenz mit den Leutnants Siegel und Bachmann von der Fahndungsabteilung und militärpolitische Ausweise auf die Namen Dr. Michael und Inspektor Blau. Die Verteidigung weist im Laufe der Verhandlungen darauf hin, daß gegen die Angeklagten alle Zwangsmaßnahmen ergriffen worden seien, daß aber der Anstifter des Mordes, der Spitzel Schreiber, trotzdem seine Adresse bekannt sei, nicht herbeigeschafft werden könne. Die Anklage ist lediglich auf anonymen Schreiben und Spitzelberichten aufgebaut. Hencker wird bestätigt, daß bei einer Abteilung der Garde-Kavallerie-Schützen-Division

110 Spitzel angestellt

waren. Die Ermittlungen in der Mordaffäre in München haben einwandfrei ergeben, daß alles bestellte Spitzelarbeit ist und daß die Behörden von ihren eigenen Spitzeln belogen und betrogen worden sind.

5. Verhandlungstag.

Nach einem Telegramm des deutschen Generalkonsuls in Zürich macht der Lockspitzel Schreiber sein Erscheinen an Gerichtsstelle von der Erfüllung der folgenden Bedingung abhängig: Freie Reise und Verpflegung, darüber hinaus Entschädigung von 20 Frank gleich 200 M. für entgangenen Tagesverdienst, eine Extraprämie von 4000 M., Schutz während der Reise und seines hiesigen Aufenthaltes, Erlaubnis zum Waffentragen und freies Geleit seitens des Gerichts. Staatsanwalt Ortmann beantragt, daß das Gericht auf diese Bedingungen eingehe, da eine andere Möglichkeit diesen unentbehrlichen Zeugen zur Befragung zu schaffen, fehlt. Rechtsanwalt Weinberg protestiert dagegen, daß das Gericht dem Zeugen 4000 M. für seine Aussage zahle die Schreiber sehr leicht als ein Bestechungsgeld ansehen könne, um im Sinne der Anklage auszusagen.

Nach einer sehr heftigen Auseinandersetzung beschließt das Gericht seinerseits, die Zahlung der 4000 M. abzulehnen, im übrigen der Staatsanwaltschaft aufzugeben, den Zeugen Schreiber zur Stelle zu schaffen. Staatsanwalt Ortmann erklärt hierauf, daß er dann die 4000 M.

aus dem ihm zur Verfügung stehenden Fonds

entnehmen würde. Rechtsanwalt Rosenfeld bittet um Auskunft darüber, aus welchem Fonds der Staatsanwalt die 4000 M. für Schreiber entnehmen wolle. Seines Wissens sei doch ein Spitzelfonds nicht vorhanden. Staatsanwalt Ortmann bestreitet, einen Spitzelfonds hinter sich zu haben. Im Interesse der Ermittlung der Wahrheit sei es Pflicht der Staatsanwaltschaft, alle Mittel zu ergreifen, die dazu dienen können.

Der Vorsteher der Rechtsschutzstelle der USP. in München, Student Blumenfeld, entlarvt die Aussagen Schreibers als glatten Schwindel! Genosse Peters (Magdeburg) ist der dritte Zeuge für die raffinierte Lügenhaftigkeit des Lockspitzels Schreiber.

Zeuge Pohl erklärt seine erste unrichtige Aussage mit seinem seelischen Zusammenbruch durch die Untersuchungshaft. Interessant ist noch, daß, wie Pohl berichtet, Blau geäußert habe, er, Blau, hätte den Auftrag erhalten, für die Belohnung von 80.000 M. den früheren Polizeipräsidenten Emil Eichhorn und den Kommunistenführer Dr. Levi zu ermorden.

(Fortsetzung folgt)

Quelle:

Neue Zeitung vom 6.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Landwehrkanal#/media/Datei:Waldemar_Titzenthaler_-_Belle-Alliance-Br%C3%BCcke,_1902.jpg