100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Verhältnis- oder Mehrheitswahl?

Das Wahlsystem der Weimarer Republik kennt keine 5%-Hürde. Vielmehr erhält jede Partei für 60.000 Stimmen einen Sitz im Reichstag. Dieses vom Gedanken her sehr einfache System wurde aber schon von den Zeitgenossen dafür kritisiert, dass es zu einer Zersplitterung der Parteienlandschaft beitrage. Der DVP-Abgeordnete Fritz Mittelmann macht sich hier über einige Kleinstparteien lustig, die kaum mehr als ein paar Tausend Stimmen erhielten. Gleichwohl wäre Mittelmanns eigene Partei bei einer 5%-Hürde spätestens 1930 aus dem Reichstag geflogen. Durch das reine Verhältniswahlrecht wird anders als in einem Mehrheitswahlsystem der Wählerwille kaum eingeschränkt. Zudem sind die "Parteisplitterchen" für die Regierungsbildung nur selten relevant.

Kritik des britischen Mehrheitswahlsystems

Die Parteien der Lächerlichkeit.

Von Dr. Fritz Mittelmann, M. d. R.

Die Vielheit der Parteien, an der das politische Leben Deutschlands leidet, kommt drastisch in der Uebersicht zum Ausdruck, die der Reichswahlleiter soeben der Oeffentlichkeit übergeben hat. Danach haben nicht weniger als 17 Parteien einen eigenen Reichswahlvorschlag eingereicht und sich außerdem noch 8 andere um Mandate im ersten Mandate im ersten Reichstag der Deutschen Republik bemüht. Ein Ueberfluß an Reichtum, wenn man damit die Verhältnisse des alten Reiches vergleicht oder gar, wenn man auf die einfache Linienführung im Musterland des Parlamentarismus, England, blickt. Hierin Wandel zu schaffen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Oeffentlichkeit: die Lösung dieses Problems wird erleichtert, wenn man einzelne dieser Gruppen dem wohlverdienten Fluch der Lächerlichkeit übergibt, auf den sie einen nur zu berechtigten Anspruch haben.

Da ist z. B. die „Nationaldemokratische Volkspartei“, die in zahllosen Flugschriften und Veröffentlichungen von sich reden machte und die durch das Verwirrende ihrer Agitation an den verschiedensten Stellen Unklarheit in die Reihen der bürgerlichen Wählerschaft trug. In den Wahlkreisen Berlin, Potsdam I und II, Magdeburg, Hamburg und Süd-Hannover-Braunschweig rang die Nationaldemokratische Volkspartei um die Palme des Sieges. Aber mit welchem Erfolge? Im Wahlkreise Magdeburg, wo sie bei weitem am besten abschnitt, brachte sie es auf ganze 1.410 Stimmen. Das Heer ihrer Wähler im ganzen Reiche belief sich auf 3.998.

Anscheinend war der „Leitung der Partei“ aber das Lächerliche ihres Unternehmens garnicht klar, denn es scheint einen regelrechten Kampf um die besten Plätze auf der Liste gegeben zu haben. In den Wahlkreisen Berlin und Süd-Hannover-Braunschweig ist ein Herr Lebius „Listenführer“, in Potsdam II und Hamburg ein Herr Raschke, in Potsdam I führt ein Herr Witzell und in Magdeburg, nach der oben mitgeteilten Zahl das Eldorado der Partei, ein Herr Tölke. Zum Listenführer des Reichswahlvorschlages wurde Herr Lebius erkoren, der zugleich in Potsdam II und Magdeburg die zweite Stelle ziert, während ihm in Potsdam I die dritte Stelle anvertraut wurde. In fünf Wahlkreisen an aussichtsreicher Stelle stehen, dazu Listenführer auf der Reichswahlliste sein, und dann mit im ganzen 3.998 Stimmen durchs Ziel laufen, kann es etwas Lächerlicheres überhaupt geben?

O ja, es gibt noch Lächerlicheres, das ist die „Deutsche Wirtschafts- und Arbeitspartei (Aufbau-Partei)“. Diese Partei, die sich stolz Aufbau-Partei nennt, hat in drei Wahlkreisen eigene Listen aufgestellt, in Berlin und in Potsdam I und II. Wenn man bedenkt, daß jeder der Wahlvorschläge von 50 wahlberechtigten Wählern unterschreiben sein mußte, ehe er amtlich zugelassen wurde, dann ist das Ergebnis, auf das diese Partei blicken kann, geradezu vernichtend. In zwei Wahlkreisen ist die Zahl der Kandidaten größer, als die Zahl der auf sie entfallenden Stimmen; im erfolgreichsten Wahlkreise ist die abgegebene Stimmenzahl dreimal so groß wie die Zahl der Kandidaten auf der Reichsliste, welch letztere zwölf beträgt. 43 Stimmen, in Worten „Dreiundvierzig“, erhielt die „Deutsche Wirtschafts- und Arbeitspartei (Aufbau-Partei)“ in den drei Wahlkreisen zusammengenommen: davon in Berlin 0, in Potsdam II 7 und Potsdam I 36. In Berlin und Potsdam I führte ein Herr v. Arnim, in Potsdam II ein Herr Stolpe, an der Spitze des Reichswahlvorschlages stand ein Herr Dr. Lichter. Der Rest ist Schweigen.

Eine weitere Partei nannte sich stolz „Fraktionslose Partei“. Auch ihrer, deren Namengebung in etwas an den Verein der Vereinslosen erinnert, sei in diesen Zeilen kurz gedacht. Ihr Ziel ist erreicht, die „Fraktionslose Partei“ hat es zu keiner Fraktion gebracht, ja, sie hat sich noch selbst übertroffen, indem es nicht einmal zu einem einzigen Mandat reichte. Einhundertneunundsechzig Wähler und Wählerinnen strömten im Wahlkreise Koblenz-Trier an die Urnen, um durch Abgabe ihres Stimmzettels für die „Fraktionslose Partei“ das Vaterland und den Reichstag vor einer weiteren Fraktion zu bewahren. Ehre ihrem Andenken!

Wieviel verletzter Ehrgeiz und verletzte Eitelkeit liegt in all diesen Zahlen eingeschlossen, die über die Führer der Lächerlichkeit ausschütten! Man denke nur an die mit so großem Geschrei angekündigte reformdemokratische Partei in Pommern, die so jämmerlich Schiffbruch erlitt; keiner von den Wählern, die auf die „Partei“ des großen Politikers und Berufsberaters Lockenvitz hereinfielen, möchte seine Tat vom 6. Juni heute wahrhaben. Aber man beachte auch die Kehrseite der Medaille und dann wird man das Freventliche dieser Kandidaten- und Listenspielerei erkennen. Welche Unsumme von verschwendeter und vergeudeter Arbeit steckt in all diesen Kandidaturen, und zwar sowohl auf seiten der sogenannten Parteien, wie auf seiten der Behörden, die um solcher Zwergparteien willen ungezählte Bogen und Listen anlegen mußten. Die zweiundneunzigseitige Veröffentlichung des Reichswahlleiters, in der für jeden Wahlkreis die genaue Kandidatenliste mit allen dazugehörigen Angaben aufgeführt ist, illustriert treffend den groben Unfug, der hier in ernstester Stunde des Vaterlandes mit den Interessen der Allgemeinheit getrieben wurde. Und zwar waren es einzig und allein die bürgerlichen Parteien, in deren Reihen eine derartige Zersplitterung getrieben wurde. Die 11.970 Stimmen der „Deutschen Mittelstandspartei“, die sich im Wahlkreise Breslau aufgetan hatte, gingen einzig und allein dem Bürgertum verloren, genau wie all die Stimmen, die auf die vorhin näher gekennzeichneten Listen entfielen. Und warum? Weil der Eitelkeit einzelner gefröhnt werden sollte, und weil es eine Anzahl Naiver gab, die Zeit und Geld opferten, um die Durchführung solcher Launen zu ermöglichen. Wenn wir unser politisches Leben in Deutschland in gesunde Bahnen lenken wollen, dann muß die Bildung solcher Parteisplitterchen in Zukunft vermieden werden. Der Fluch der Lächerlichkeit, der infolge des Wahlausfalles auf gewissen gewährten Führern ruht, wird diese und ähnliche in Zukunft hoffentlich von solchen Wahlexperimenten abhalten.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 7.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_07_0034.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Mehrheitswahl#/media/Datei:Charter88_UK-Wahlergebnisse.jpg