100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Was tun gegen die „bolschewistische Flut“?

Das Jenaer Volksblatt kommentiert die Außenpolitik Englands und sieht eine brennende Gefahr im Osten Europas. Die bolschewistischen Truppen rücken dort im Rahmen einer Großoffensive gegen Polen vor. Das Volksblatt klagt über die Uneinigkeit Westeuropas angesichts der für alle Demokratien bestehenden Gefahr.

Sowjetisches Propagandaplakat von 1920 - Feiernde Polen begrüßen die Rote Armee

Die brennende Gefahr

Nichts beleuchtet die Tragik des entzweiten Europas mehr als die nackten Tatsachenmeldungen der in ihrer kaltblütigen Ruhe beneidenswerten englischen Korrespondenten. Die eine Meldung teilt der „Times“ den polnischen Heeresbericht mit, der den Verlust des galizischen Tarnopol und die Räumung der Festung Grodno zugibt, während der „Daily Mail“ aus Warschau Geschützdonner von der Kampffront gemeldet wird. Unseres Erachtens täten die Engländer gut, den bolschewistischen Vormarsch nicht so sehr aus der Vogelperspektive zu betrachten. Die Gefahr ist mit der Einnahme von Grodno für die ungeschützte ost-preußische Grenze einigermaßen brennend geworden und die drohende Besetzung von Lemberg lässt das Schicksal Ungarns unter der vergangenen Bolschewistenherrschaft vor unseren Augen aufsteigen. Demgegenüber freilich erscheint die Ruhe des gesättigten britischen Löwen als nicht unmittelbar bedroht. Aber es ist doch klar, dass die Ausbreitung des Bolschewismus über Mitteleuropa eine Gefahr ist, die ideell im Zusammenhang mit den russischen Bestrebungen in fernen und nahen Orient betrachtet, ein Faktor ist, der die ernsthafte Betrachtung verdient. Unter diesen Umständen ist die tatsächliche Macht der Entente geringer zu bewerten, als sie sich den Anschein gibt. Gegenüber dem Willen des geeinten Proletariats wird der begrenzte Wille des Ententeimperialismus auf die Dauer nicht bestehen können. Nur ein einiges Zentral-Westeuropa stellt ein auseichendes Werkzeug dar, um die bolschewistische Flut aufzuhalten und zurückzudämmen. Der Völkerbundgesandte kann solche Einigkeit nur vortäuschen, nicht ersetzen; die einem aufgepeitschten Chauvinismus an Wirkung gleichwertige Begeisterung des bolschewistischen Proletariats hat, man muss es offen gestehen, gedankliche und räumliche Fortschritte gemacht, die zu dem Schluss führen, dass mit der Hegemonie einzelner Staaten in dem Kampf gegen die brennende Gefahr des östlichen Feuerherdes nichts anzufangen ist. Es fehlt der innere Zwang zum Widerstand, weil die diktierten Friedensschlüsse nichts als Verärgerung und Gleichgültigkeit hinterlassen haben. Letzten Endes ist die deutsche Neutralitätserklärung nur die Folge dieser verfehlten Gewaltpolitik. Erst wenn diese abgebaut wird und man in Paris und London erkennt, dass es wichtigere Gemeininteressen gibt, als die Entwaffnung Deutschlands und die Befriedigung des eitelkranken Frankreichs, wird eine mächtige Waffe gefunden sein, die mit Erfolg gegen die Scharen Lenins eingesetzt werden kann.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 22.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273642/JVB_19200722_170_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://pl.wikipedia.org/wiki/Wojna_polsko-bolszewicka#/media/Plik:Polish-soviet_propaganda_poster_1920.jpg