100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wenigstens prügeln sie sich nicht

Im Rahmen einer inhaltlich eigentlich wenig bedeutsamen Debatte im Reichstag kam es zu heftigen Wortgefechten zwischen den linken und rechten Rändern des Hauses. Laut dem Jenaer Volksblatt habe Reichstagspräsident Paul Löbe nur mit Mühe die parlamentarische Ordnung aufrechterhalten können.

Max von Gallwitz, 1915

Sturmszenen im Reichstage.

Der Lärm der Radikalen.

Vor fast völlig unbesetzten Bänken wurden am Freitag zwei Stunden lang kleine Anfragen an die Regierung gerichtet und unter allgemeiner Teilnahmslosigkeit des Hauses wie der Tribünen beantwortet. Und doch wäre der eine oder andere der behandelten Gegenstände größerer Aufmerksamkeit wert gewesen. So die Anfragen über den Notstand der deutschen Wissenschaft infolge der so ungeheuer gestiegenen Druck- und Materialkosten, und über die Not der Presse infolge der unerträglichen Papierverteuerung. Auf eine Anfrage des mehrheitssozialistischen Abgeordneten Giebel über die von verschiedenen Behörden vorgenommenen Massenkündigungen von Angestellten wurde von Regierungsseite geantwortet, daß solche innerhalb der zum Abbau bestimmten Reichsbehörden nicht immer vermieden werden könnten, daß aber die Regierung mit den beteiligten Organisationen wegen anderweitiger Verwendung der freiwerdenden Arbeitskräfte sich ins Einvernehmen setzen werde.

Auf die kleinen Anfragen folgt dann die Behandlung des Wehrgesetzes, das notwendig geworden ist, weil auf Grund des Abkommens von Spa die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht gesetzlich festgelegt werden muß. Hierbei kommt es zu heftigen Zusammenstößen zwischen den Unabhängigen und dem deutschnationalen General v. Gallwitz, der als alter Offizier das deutsche Heer und die deutsche Marine in begreiflicher Trauer noch einmal würdigend sich und den Zuhörern vor Augen führt. Fast sieht es aus, als sollte es zwischen den Parteigenossen des Redners und den Linksradikalen, die sich beide dicht um den Redner drängen, zum Handgemenge kommen. Hinüber und herüber erschallen Rufe und Gegenrufe, so daß der Präsident Mühe hat, die parlamentarische Ordnung einigermaßen aufrecht zu erhalten. „Nieder mit dem Militarismus“, ruft die äußerste Linke im Chor, und nur langsam beruhigen sich die erregten Gemüter. Alle anderen Parteien sind einig darin, daß das Gesetz unter dem Zwange der Gegner notgedrungen Annahme finden muß. Die demokratischen Abgeordneten Schücking und Haas betonen scharf die Einseitigkeit, die darin liegt, daß Deutschland entwaffnet und wehrlos gemacht werden soll, während die übrige Welt in Waffen starrt und die Ententeländer den Militarismus in schlimmster Weise weiter entwickeln. Abgeordneter Schücking tritt mit besonderer Wärme für das Dienstjahr der Frau ein, das ausschließlich wirtschaftlichen und sozialen Zwecken dienen soll. In ähnlichem Sinne wie die demokratischen Redner sprechen der Zentrumsredner Herschel, der bayerische Volksparteiler Leicht und der Mehrheitssozialist Schöpflin.

Nachdem die Wehrvorlage angenommen war, ging das Haus zur Beratung des Kohlensteuergesetzes über.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 31.7.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273650/JVB_19200731_178_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371071

Original-Protokoll: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_w1_bsb00000028_00436.html

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_von_Gallwitz#/media/Datei:BASA-237K-1-361-2-Max_von_Gallwitz,_1915.jpg