100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wie weit reicht die Mitte?

Wenige Tage nach der ersten Sitzung des Landtages gibt es schon große Hoffnungen auf ein bald zustande kommendes Kabinett. Die Idee alle Parteien von der MSPD bis zur rechtsnationalistischen DNVP zu vereinen ist schwierig umzusetzen. Abgesehen von inhaltlichen Differenzen ist schon die Ministerliste sehr umstritten.

Gebäude des ehemaligen Landtags in Weimar

Die Regierungsbildung in Thüringen.

Weimar, den 24. Juli 1920.

Die Bemühungen, eine Regierung für den Staat Thüringen zu bilden, nehmen nach und nach greifbare Formen an. In der Sonnabendnummer dieser Zeitung wurde dargelegt, unter welchen Bedingungen die stärkste Fraktion des Landtages, die Unabhängigen, bereit gewesen wären, sich an der Kabinettsbildung zu beteiligen, und wie es schließlich kam, daß sie es nun doch vorgezogen haben, nicht mitzumachen, sondern den anderen Parteien die Regierung zu überlassen mit der Zusicherung, einem so gebildeten Koalitionskabinett keine Schwierigkeiten zu bereiten, sofern nich gegen die Arbeiterschaft regiert wird.

So bleibt also nur das Koalitionskabinett von den Deutschnationalen bis zu den Rechtssozialisten. Dieses dürfte, wie bereits gemeldet, am Dienstag gebildet werden. Heute wird folgende Ministerliste genannt, die zweifellos Anspruch auf Realisierbarkeit machen kann, wenn es auch nicht ausgeschlossen ist, daß sich noch Aenderungen ergeben können, da immer noch verhandelt wird. Das Kabinett setzt sich demnach nach den neusten Informationen wie folgt zusammen:

Exzellenz Dr. Paulssen (Dem.), Kultus und Vorsitz im Kabinett;

Staatsrat Benz-Meiningen (parteilos), Finanzen;

Staatsminister a. D. Bauer-Sondershausen (D. Volksp.), Justiz;

Staatsrat Fröhlich-Altenburg (Soz.), Wirtschaft;

Staatsminister Baudert-Weimar (Soz.), Wohlfahrt;

Landgerichtsrat Dr. Lummer-Jena (Dnat.), Inneres;

Abg. Hartmann-Rudolstadt (Soz.) und

Abg. Höfer-Meiningen (Thür. Landbund), beide ohne Portefeuille.

Es dreht sich nun noch um die Person des Ministers v. Brandenstein, dem die Linksparteien einen Sitz im Kabinett zugedacht haben. Von der Rechten scheint man dafür aber keine Gegenliebe zu zeigen, ja man ist eventuell bereit, Herrn Dr. Lummer zu opfern, wenn die Linke auf Herr v. Brandenstein verzichtet.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 25.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Th%C3%BCringer_Landtag_(Weimarer_Republik)#/media/Datei:Hochschule_f%C3%BCr_Musik_Franz_Liszt_Weimar.jpg