100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Wo der Zucker bleibt!“

Unter dieser Überschrift beklagt die Thüringer Tageszeitung die Praxis der großzügigen Verteilung von Zucker zur Alkoholproduktion. Angesichts der Zuckerknappheit sei es sehr fragwürdig, dass Unmengen an Zucker hierfür verwendet würden. Tatsächlich ist besonders die Unterversorgung von Säuglingen und Kindern mit Zucker mit gravierenden Gesundheitsproblemen verbunden.

Nachbau eines historischen Zuckerlabors

Die Verwertungsstelle der Reichsmonopolverwaltung für Branntwein in Berlin, Schellingstraße 14, hat neuerdings die Destillateure im Deutschen Reich mit je 300 Litern Spiritus beliefert und ist in der Lage, jedem dieser Spiritusempfänger auf die 300 Liter je einen Zentner Zucker zum Preise von 1.200 M. zwölf Mark für das Pfund, anzubieten. Die Belieferung mit 300 Litern Spiritus ist kürzlich wiederholt worden und prompt macht die genannte Reichsmonopolverwaltung ein weiteres Angebot derselben Zuckermenge. Da der Zucker nur in Doppelzentnersäcken geliefert wird, werden die Destillateure aufgefordert, daß immer zwei von ihnen zusammen einen Sack zum Preise von 2.400 Mark beziehen sollen. In den Offerten der staatlichen Stelle heißt es:

Weiteres Angebot. Wir sind voraussichtlich in der Lage, den Destillateuren auf Grund der ihnen zugeteilten Mengen Auslandssprit Zucker in einem Umfange zur Verfügung zu stellen, daß auf je 600 Liter zugeteilten Sprit ein Sack von 100 Kilo Zucker entfällt. Da die 100-Kilosäcke an den Lieferstellen sich keinesfalls teilen lassen, können die Empfänger von nur 300 Liter Sprit an dem Zuckerbezuge nur unter der Bedingung beteiligt werden, daß je zwei Empfänger von nur 300 Liter Sprit an dem einen 100-Kilosack beziehen. Wir genehmigen, daß Sie sich mit einem Ihnen bekannten Berufsgenossen, dem 300 Liter Sprit zugeteilt worden sind, zwecks gemeinsamen Bezuges eines 100-Kilosackes verständigen. Sobald dies geschehen, sind uns die beiden unterzeichneten Bestellscheine auf je 50 Kilo Zucker von einer Stelle zusammen einzusenden. Die Bezahlung hat nur durch eine Firma zu geschehen, und diese Firma hat der Kasse der Reichsmonopolverwaltung die bewirkte Ueberweisung des Gesamtbetrages von 2.400 Mark anzuzeigen.

An diesem Angebot er Reichsmonopolverwaltung für Branntwein ist Verschiedenes interessant und bemerkenswert. Zunächst ist festzustellen, daß eine Zuckerknappheit wie sie die „maßgebenden Stellen“ dem Publikum begreiflich machen wollen, also gar nicht besteht. Denn das es sich um eine Verteilung an alle Destillateure im Deutschen Reich handelt, so müssen viele Tausende Zentner Zucker zur Verfügung stehen. Dieser gewaltige Zuckervorrat ist im Besitz einer Reichsstelle, die ihn für die Schnapsfabrikation zu einem Preise abgibt, den man im gewöhnlichen Sprachgebrauch als Wucherpreise bezeichnet. Wenn ein Kaufmann zu diesem Preise Zucker anbieten wollte, so würde sich zweifellos das Wuchergericht mit ihm befassen. Für Reichsbehörden scheinen dagegen keine Gesetze zu bestehen. Dieser Fall ist wieder ein vortreffliches Beispiel für den „Segen“ der Zwangswirtschaft.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 28.7.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Zucker-Museum#/media/Datei:Zuckerindustrie_Betriebslabor_c1900_1_Zucker-Museum.jpg