100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Arbeitsschule vs. Einheitsschule

Auch vor 100 Jahren wurde hitzig über die Bildung der Kinder, die Ausbildung ihrer Lehrer und die systematische Gestaltung der Lernumgebung gestritten. Damals wie heute stellte sich das Problem, ob der Tendenz zu einer „ständischen Absonderung“ von Kindern aus wohlhabenden Familien mittels einer „Einheitsschule“ entgegengewirkt werden könne bzw. solle. Denn auch die „wertschaffende Arbeit“ – heute würde man wohl sagen ‚Praxisorientierung‘ – hat schließlich ihre Berechtigung und muss anders gefördert werden als geistige Arbeit.

Goetheschule in Ilmenau, die 1920 in ein Reformrealgymnasium umgewandelt wurde (Foto von 1958)

Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz

Von A. Leder, Weimar, Vertreter der Thüringer Lehrer auf der Reichsschulkonferenz.

„Was war nun eigentlich der langen Reden kurzer Sinn?“ – So werden jedenfalls viele der Mitglieder der an sich imposanten, schulmännischen und schulpolitischen Veranstaltung in Berlin bei ihrer Rückkehr in die Heimat gefragt werden, denn es ist eine der Kultureigentümlichkeiten Deutschlands, daß die Angelegenheiten der Erziehung, die die allgemeinsten sind nach ihrer Natur, in den formulierten Forderungen für den Laienverstand des Bürgers etwas Dunkel-Mysteriöses haben. Und es ist zu fürchten, daß die unendliche Reihe von Leitsätzen über etwa fünfzehn schulorganisatorische Gegenstände, die der Reichsschulkonferenz vorlagen, auf den Zeitungsleser verwirrend wirken. Dieser Eindruck muß noch verstärkt werden durch das Bild der Gegensätzlichkeit, das die Konferenz schon in der ersten Stunde bot.

Alle Gegensätze, die das Gesellschaft- und Geistesleben Deutschlands kennzeichnen, machten sich bemerkbar: kirchlich und weltlich, protestantisch und katholisch, bürgerlich und sozialistisch, akademisch und volkstümlich. Es gab sogar Augenblicke, wo solche Gegensätze die Verhandlungsfähigkeit der Körperschaft zu gefährden drohten – und doch ist man zusammengeblieben hat weiter miteinander geredet und sich redlich bemüht, mit dem Gegner einen gemeinsamen Boden zu suchen. Es fanden sich hervorragende Geister, die sich über die Parteien zu ergeben und die feindlichen Brüder zur Gesinnung auf den gemeinsamen Zweck zu bringen wirkten. Darin aber dürfte die bleibende Bedeutung der Konferenz liegen:

Sie hat alles, was in der Erziehung unserer Jugend tätig ist und sich dabei um seinen besonderen fachmännischen, religiösen, sozialen, politischen Standpunkt täglich in Fach- und Tagespresse, in Versammlungen aller Art schlägt, einmal zusammengeführt, und die Fülle der Themata, der Reichtum der auseinanderstrebenden Anschauungen hat doch einen gesunden Grundwissen nicht verdunkeln oder unterbrücken können: Alle waren in dem Streben einig, dem deutschen Volke durch ein Erziehungswerk zu dienen, das allen Volksgenossen gemeinsam und demgemäß zu gestalten ist. Die Abhängigkeit von ständischen Interessen und Vorurteilen, die den deutschen Lehrer teilweise bis jetzt so unvorteilhaft, ja kleinlich, erscheinen ließ, trat zurück vor dem Gedanken der Verantwortung gegenüber dem Volksganzen. Es war die Geburtsstunde eines neuen pädagogischen Gesamtbewußtseins in Deutschland.

Man fand dabei den ausgestellten Reihen von Leitsätzen mit Empfindungen des Unbefriedigtseins gegenüberstehen, dann darin zuviel fachmännische Doktrin, „zuviel Angst um bewährtes Altes“, zuviel Verklausulierung eines schüchternen Fortschrittes finden, dann namentlich aber recht bedenklich sein angesichts der Tatsache, daß man von den allmächtigen Voraussetzungen, die für jede Kultur und Schule in der Volkswirtschaft gegeben sind, gar nicht geredet, die Bedenken von dem Bleigewicht nüchterner Realitäten frohgemut freigehalten hat, dann auch den Kopf schütteln darüber, daß die Mehrheit eine Abstimmung über die beiden brennenden Hauptfragen der Tagung verweigerte und damit einer Stellungnahme aus dem Wege ging, die doch die Mehrheit des Volkes zu ihrer Orientierung gerade von dieser Versammlung erwarten mußte – alles dies dann doch die Feststellung nicht hindern, daß große Fragen der öffentlichen Erziehung, die seit Jahrzehnten die pädagogische Welt bewegen, auf diesem Kongreß ihre sieghafte Macht erwiesen. Es sind das die Idee der Einheitsschule, der Arbeitsschule und der Lehrerbildungsreform. Die Einheitsschule ruht auf dem Gedanken, daß das öffentliche Schulwesen nicht mehr nach dem ständischen Sonderinteressen zerklüftet sein darf, sondern nach reinen Bildungsinteressen des Volkes zu gliedern ist; die Arbeitsschule fordert, daß die Erziehung die wertschaffende Arbeit als Zweck und Ausgangspunkt nehmen soll an Stelle einer Geisteskultur, die in letzter Linie nur dem ständischen Geiste als Mittel der Absonderung dient; im Sinne beider Gedanken liegt es endlich, dem Lehrerstande ein gemeinsames Fundament der Bildung zu geben.

Mit bemerkenswerter Übereinstimmung sind die Leitsätze über diese Grundgedanken in den Ausschüssen gefaßt worden, obwohl die Volksschullehrer nur einen kleinen Bruchteil in ihnen wie im Plenum ausmachten. Die Weigerung der Mehrheit, im Plenum eine Abstimmung zu veranstalten, dann deshalb nur als eine Kundgebung der Schwäche aufgefaßt werden, die der fliegenden Idee ausweicht, obwohl sie dieselbe anerkennen muß. Mit dieser Feststellung müssen sich die vorwärts strebenden Teile unseres Volkes zunächst zufrieden geben. Der Gang der Dinge in Deutschland wird bald genug als praktische Notwendigkeit fordern, was hier sich als Idee Anerkennung errang.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 25.6.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0900.TIF

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Goetheschule_Ilmenau#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-52546-0004,_Ilmenau,_Goetheschule.jpg