100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Den Egoismus einfach abschaffen

Es ist Wahlzeit und damit die Zeit für Wahlreden. In Weimar versuchte der Ingenieur und Publizist Eberhard Zschimmer seine Zuhörerschaft für die MSPD zu gewinnen. Der amerikanisierte „Hochkapitalismus“ mitsamt seinen Nebenerscheinungen wie Egoismus, Habsucht, Gier und Eitelkeit gehöre abgeschafft und durch eine sozialistische Gesellschaft ersetzt. Was sehr klassenkämpferisch klingt, hat aber eine parlamentarische Pointe, wenn Zschimmer am Ende lediglich dazu aufruft mit dem Stimmzettel gegen den Kapitalismus anzukämpfen.

Antikapitalistische Zeichnung von 1911

Die Überwindung des Kapitalismus

Eine Ansprache am Vorabend der Wahl / Von Eberhard Zschimmer.

Volksgenossen! Das Problem, an dem sich seit der Revolution die Linksparteien die Köpfe zerrieben haben, zu dessen Lösung immer neue Parteispaltungen unter der deutschen Arbeiterschaft hervorgerufen werden – dieses grundsätzliche, sozialpolitische und ökonomische Problem, an dem sich der neue Reichstag die Zähne ausbeißen wird – wie leicht läßt es sich doch in den drei Worten, scheinbar jedem verständlich, fassen: „Ueberwindung des Kapitalismus“. Um von der Ueberwindung des Kapitalismus zu sprechen, muß man zuerst wissen, was denn der Kapitalismus ist und was der Kapitalismus will.

Manche glauben (allerdings bei vielen ist mehr der Wunsch der Vater des Gedankens), daß der deutsche Kapitalismus rettungslos in sich zusammenbricht. Diese Vorstellung gehört zu jenen Fieberträumen der Revolution, von denen wir einige bereits hinter uns haben; aus anderen müssen wir recht bald noch erwachen. Denn die Tatsache der harten greifbaren Wirklichkeit zeigen etwas ganz anderes als das Absterben dieser furchtbaren Geißel der Menschheit. Die Tatsachen zeigen uns: Wenn die Dinge sich ohne vernünftige Führung durch die Volksregierung, ohne tätige Mitarbeit der beiseite stehenden Zusammenbruchspolitiker so weiter entwickeln wie bisher, dann kommen wir nicht dem Sozialismus, nicht der planmäßigen, ökonomisch und ethisch höher stehenden Gemeinwirtschaft näher, sondern wir wachsen hinein in den wüstesten Hochkapitalismus der deutsch-amerikanischen Internationale, die in Herzensbrüderschaft mit dem englischen Kapital den japanisch-amerikanischen Krieg vorbereitet. […]

Mag es der Gewinn eines wahnsinnigen Verbrechers an der Zukunft der ganzen Menschheit sein – dieses völlig entmenschte kapitalistische Denken denkt nur an sich, kreist nur in sich selbst: in der wesenlosen Abstraktion des Kapitalprofits, von dem das Treiben der großen Spielhölle beherrscht wird, in die auch Deutschland – nächst Amerika das am meisten geeignete Land dazu – durch eine Aktion allergrößten Stils aus dem Rohstoffhinterland Amerika heraus verwandelt werden soll. Noch blutet der Kadaver des Weltkrieges, aber der Kapitalismus bereitet den nächsten Krieg schon vor: Sein Wesen ist Krieg – Konkurrenz, es ist das Prinzip des rücksichtslosen Egoismus der modernen Krämervölker, zu denen auch das Wilhelminische Deutschland „aufgestiegen“ war. Wer den Kapitalismus bejaht, der bejaht den Krieg als seine letzte brutalste Kampfform. Krieg ist die Fortsetzung des kapitalistischen Konkurrenzkampfes mit veränderten Mitteln. Krieg ist ein Geschäft mit hohem Risiko. An sich sinnlos, unmenschlicher Wahnsinn; aber nicht sinnloser als die Ursache: das kapitalistische Profitprinzip, dessen sichtbare äußere Spitze der moderne Völkerkrieg ist. Dieser in Massen blinder, in Massen immer wieder neu durch den Kapitalismus geblendeten Völker!

Kann sich die Menschheit jemals von dieser Pestkrankheit befreien? Ist eine andere Wirtschaftsform überhaupt denkbar, und ist daran zu denken, sie mit Zustimmung der Mehrheit der am Wirtschaftsleben beteiligten Menschen einzuführen? – Das ist das große Problem, von dem ich Ihnen spreche. „Weil Menschen keine Engel sind, deshalb ist der Sozialismus nicht möglich.“ Mit diesen leichtgefälligen Satz pflegen die auf den Kapitalismus eingeschworenen Nationalökonomen der bürgerlichen Wirtschafts- und Weltordnung unser heißestes Bemühen mit überlegener Miene abzutun. Der Kapitalismus ist nicht zu überwinden durch irgendeine sozialistische, d. h. auf Menschenbefreiung, Menschenfriede, Menschenwürde beruhende, nach Vernunftgesetzen organisierte Gütererzeugung, -verwendung und –verteilung. „Sozialisierung ist Ruinierung.“ Denn der Sozialismus rechnet nicht mit dem Egoismus, er vergißt den Gewinntrieb, die Habsucht, Machtgier und Eitelkeit: diese drei mächtigsten Triebfedern der kapitalistischen Wirtschaft, auf denen ihre fabelhafte Leistung angeblich beruht. Ist der Unternehmer erst einmal satt, ist seine Habsucht gestillt, so reizt ihn die Macht. Er will Herr sein, Herr über Millionen, Gebieter über ganze Länder, ganze Völker. Und ist seine Machtgier gestillt, so reizt ihn noch die Eitelkeit: als Unsterblicher in die Akten der Geschichte eingetragen zu werden. […]

Dagegen tritt der Sozialismus allerdings mit leeren Händen vor die Millionen, denen amerikanischer Speck, amerikanische Löhne, Einfamilienhäuser, Sportplätze und die Pennypresse in amerikanischen Riesenformat durch das „deutsch“-nationale Kapital vorgegaukelt werden! Man kann es menschlich verstehen, wenn die Bolschewisten sagen: Gegen dieses System ist, um die Menschheit zu retten, nicht anders aufzukommen, als daß es zunächst mit Mann und Maus zugrunde geht. Man kann den rührenden Glauben begreifen, den unsere harmlosen deutschen Bolschewisten im Herzen tragen, wenn sie meinen: das Ende des Kapitalismus in Deutschland sei da; er gehe in sich selbst zu Grunde. Man helfe ihm allenfalls noch ein bißchen nach! Aber auf solchen Standpunkt wird sich ein Sozialdemokrat niemals begeben; denn dazu ist die Sozialdemokratie dem Kapitalismus an Einsicht in die Naturgesetze des Wirtschaftslebens zu gut gewachsen. Wir wollen den Stinnesleuten nicht die Freude bereiten, das unter „Sozialisierung“ zu verstehen, was diese Herren des deutschen Bodens, die Herren der Arme und Gehirne deutscher Kopf- und Handarbeiter doch zu gern haben möchten, daß wir’s verstünden. Mit nichten! Wir sind in der Lage, völlig klar, logisch mit allen menschlichen und ökonomischen Triebfedern und Bedingungen rechnend, ihnen die drei Haken zu zeigen, an denen die kapitalistische Wirtschaft naturnotwendig hängt; die drei Springpunkte des ganzen Problems, an dem sich Jahrhunderte hindurch doch nicht so ganz umsonst die fähigsten Denker die Köpfe zerbrochen haben:

  1. das Privateigentum an den Gütererzeugungsmitteln; die privatwirtschaftliche Verwaltung des Betriebskapitals, in persönlichem, egoistischem Interesse;
  2. die absolute Herrschaft des Kapitalisten und seiner Beamtenkamarilla von Kapitals Gnaden über die im Betriebe tätigen Werkleute als seine volkswirtschaftlich unmündigen Untertanen und Lohnsklaven;
  3. freie Konkurrenz auf dem Warenmarkt, freies Spiel der zügellos sich entfaltenden wirtschaftlichen Initiativen der Unternehmer, mit der alleinigen Tendenz aller kapitalistischen Wirtschaft: den Profit zum Selbstzweck zu machen, die Bedarfsdeckung und die vernunftgemäße Bewirtschaftung der Naturschätze dagegen als Nebensache zu behandeln.

Auf diesen drei Punkten: Persönliches Eigentum, persönliches Regiment, persönliche Willkür in der Gütererzeugung ruht der Weltkoloß des Kapitalismus. Ihn zu stürzen oder zu überwinden heißt: Sein System aus diesen drei Angeln heben; heißt, Punkt für Punkt umgedacht:

  1. Gemeinwirtschaftliche Selbstverwaltung des Kapitals zur Gütererzeugung;
  2. Demokratisierung der Betriebe;
  3. planmäßige und vernunftgemäße Organisation der Wirtschaft zur Bedarfswirtschaft, als dem natürlichen Selbstzweck der menschlichen gewerblichen Tätigkeit.

„Sozialisierung“ bedeutet heute keinen leeren theoretischen Phantasiebegriff mehr, sondern ein verfassungsmäßiges Recht des deutschen werktätigen Volkes, als Träger der deutschen Volkswirtschaft. […] Das Betriebsrätegesetz der Reichsarbeiterrat und Reichswirtschaftsrat sind in der Verfassung der Republik verankert – sie gehören zum Bestande der Republik, zur Staatsidee. Aber selbstverständlich ist das alles nur Papier, wenn das arbeitende Volk nicht will oder wenn die Saboteure der Republik, die Saboteure der auf den Wirtschaftsstaat der Zukunft projizierten Verfassung ihr unsinniges Zerstörungswerk ungehindert vollbringen können. Mit allen Kräften arbeitet der deutsch-amerikanische Kapitalismus im Bunde mit den utopistischen Revolutionsphantasten und Putschpolitikern, um das Zerstörungswerk je eher, je lieber, und wenn es noch Milliarden kostet, vorzubereiten. Was Stinnes tut, hat im Grunde keinen anderen Zweck, als die errungene Machtstellung des Sozialismus in der deutschen Verfassung sturmreif zu machen für den alles vernichtenden, alle Völkerfreiheiten, alle Träume einer von Sklavenfesseln befreiten Arbeiterschaft auf ein Jahrhundert auslöschenden Kapitalismus. Gegen dieses verbrecherische Unternehmen hat die deutsche Arbeiterschaft und haben alle, die sich mit Abscheu von dem System des völkerverhetzenden, Völker auswuchernden, alles Geistige, alles, was noch einen letzten letzten Rest von Menschenwürde bedeutet, verachtenden und mit dem Untergang bedrohenden Kapitalismus wenden, alle haben die Waffe in der Hand, die diese deutschnationalen Volksfeinde schon einmal bis zum Rande des Wahnsinns rasend gemacht hat, als sie den Kapp-Putsch versuchten. Es ist der Stimmzettel zum Reichstag.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 5.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0683.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149768

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismuskritik#/media/Datei:Anti-capitalism_color—_Restored.png