100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Wahltag in Weimar

Die erste Reichstagswahl in der thüringischen Landeshauptstadt verlief ruhig. Aber nicht nur in Thüringen, sondern im ganzen Reich zeichnen sich starke Stimmenverschiebungen ab. Die USPD triumphiert in Mitteldeutschland und im Großraum Berlin. Während DVP und DNVP stark gewinnen, bleibt die MSPD knapp vor dem Zentrum die stärkste Partei.

Übersicht zu den stärksten Parteien nach Wahlkreisen

Weimar. Ein ziemlich bewegtes Straßenbild zeigte Weimar am Wahltage. Abgesehen von den bunten Wahlplakaten, die schon seit Tagen die Anschlagsäulen belebten, brachte der Wahltag selbst insofern weitere Ueberraschungen, als die SPD. wie schon im Vorjahre einen besonders zugerichteten Propagandawagen, der die Wähler anlocken sollte, in der Stadt herumfahren ließ. Auch die USP. hatte diesmal einen solchen Wagen hergerichtet, der mit seinen Zeichnungen und Aufschriften eine wirksame Reklame darstellte. Und über umsomehr, als Hornsignale und ein Ausrufer in kurzen Zwischenräumen die lauen Wähler immer wieder an ihre Pflicht erinnerte. Schon der Vormittag zeigte ziemlich lebhaftes Wahlgeschäft, gleichwohl war der Andrang in der letzten Stunde besonders groß. Bei folgenden Wahlen muß jeder Wähler seiner Wahlpflicht schon tunlichst in den Morgenstunden genügen, damit er nicht zu spät kommt.

Weimar, 7. Juni. Die bisher aus Thüringen und dem reiche eingelaufenen Wahlteilresultate lassen erkennen, daß sich in den Wählermassen eine große Abwanderung nach links und rechts vollzogen hat. Die Hauptwahl hat mithin bestätigt, was die Vorwahlen in Braunschweig und Gothaer vor einigen Wochen angezeigt haben. Die Rechtssozialisten verlieren einen großen Teil ihrer Mandate an die Unabhängigen, während von den bürgerlichen Parteien die Deutsche Volkspartei als die stärkste bürgerliche Partei aus den Wahlen hervorgehen wird. Ihr Mandatsgewinn dürfte 50-60 Sitze ausmachen. Geschwächt scheinen auch die Deutschnationalen zu sein, doch wird deren Stimmeneinbuße reichlich durch die Stimmen für die bäuerlichen Mandate wettgemacht. Die Kommunisten erzielen überall nur relativ kleine Stimmziffern, bei deren Verrechnung auf die Reichsliste sie indessen trotzdem im neuen Reichstag mehrere Sitze erzielen werden. In ihren alten Hochburgen haben sich die Rechtssozialisten teilweise gehalten, ansehnliche Stimmenzahlen haben auch trotz großer Stimmabgabe an die Deutsche Volkspartei noch die Deutschdemokraten aufzuweisen.

Weimar, 7. Juni. Thüringen hat keine Ueberraschungen gebracht, auch hier ist die Abwanderung der Stimmen der ehemaligen Koalitionsparteien nach links und rechts zu konstatieren. Ueberall haben sich die Wahlen in ruhiger Form abgespielt und von nirgendwoher werden Störungen gemeldet. Die Unabhängigen Sozialisten haben starke Gewinnziffern aufzuweisen, ebenso die Deutsche Volkspartei, welche auch in Thüringen die stärkste bürgerliche Partei neben der des Bauernbundes werden dürfte. Die Deutschnationale Partei hat teilweise Stimmen verloren, sehr viel die Demokraten, die nach den bisher vorliegenden Resultaten höchstens einen Sitz erhalten, die Unabhängigen dürften 3 erhalten, die Deutsche Volkspartei 2-3, die Deutschnationalen 1, die Rechtssozialisten ebenfalls 1, die Bauernbündler 1-2.

Quelle 1:

Neue Zeitung vom 7.61920.

Quelle 2:

Weimarische Landeszeitung Deutschland vom 7.6.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagswahl_1920#/media/Datei:Reichstagswahl_1920.svg