100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Deutscher Konsul in Täbris ermordet

Nach dem Ende des Weltkrieges brodelt es im Nahen Osten. England, Frankreich und auch Sowjetrußland versuchen ihre jeweiligen Machtbereiche auszubauen. In Täbris – im Norden Persiens, dem heutigen Iran – war für mehrere Tage das deutsche Konsulat von demokratisch-nationalistischen Persern belagert worden, die eine Auslieferung von Asylflüchtlingen verlangt hatten. Bei der Erstürmung des Konsulats kam auch der Konsul Karl Wustrow zu Tode. Die rechtsnationalistische Jenaische Zeitung vermutet hinter dem Vorfall die Machenschaften des englischen Imperialismus und schildert Wustrows „Heldenkampf“ ausführlich. Bestattet wurde er auf dem protestantischen Friedhof von Täbris, wo er bis heute ruht.

Historische Postkarte von Käswin

Ein Heldenkampf.

Reuter meldet aus Täbris, daß das dortige deutsche Konsulat von Anhängern der persischen Demokratie am 4. Juni belagert wurde. Es wurde die Auslieferung verschiedener dort befindlicher persischer Bolschewisten verlangt. Ueber den dramatischen Verlauf dieses Kampfes sind bei der Deutsch-Persischen Gesellschaft folgende Telegramme eingegangen:

Teheran, 3. Juni. Die Ereignisse in Täbris treiben zur Katastrophe. Die Täbriser Regierung versucht, die ins deutsche Konsulat Geflüchteten mit Gewalt herauszuholen und will nicht nachgeben. Konsul Wustrow kann nicht nachgeben, weil in Persien jeder fremde Vertreter nach Landesbrauch und Herkommen bei seiner Ehre und seinem Ansehen zum Schutze von Asylflüchtigen unter Einsetzung seines Lebens verpflichtet ist. Der Kampf um das deutsche Konsulat in Täbris wird unter Anwendung von Bomben und Maschinengewehren mit Erbitterung geführt. – Ein vom Konsul Wustrow in Teheran eingetroffenes Telegramm in französischer Sprache besagt, daß ein Appell an die Furcht in einem deutschen Herzen keinen Widerhall finde, der Weg zu den Flüchtlingen nur über seine Leiche führe, daß er nur Befehlen der deutschen Regierung gehorche, und schließt mit den Worten: „Ich empfehle meine Frau und meine Kinder der deutschen Regierung.“ – Vizekonsul Dr. von Drussel ist noch nicht in Täbris eingetroffen, sondern anscheinend unterwegs zwischen Tiflis und Täbris. Die englischen Truppen in Täbris haben sich auf Käswin [180km nordwestl. von Teheran, Anm.] zurückgezogen. Die englische Bank verläßt Täbris. In Teheran wird eine Kabinettskrisis erwartet.

Täbris, 3. Juni. Es kann leider keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Konflikt mit dem deutschen Konsulat mit Waffengewalt ausgefochten wird. Seit Mittag hört man in Chehre No (dem Viertel von Täbris, in dem das deutsche Konsulat liegt) Maschinengewehrfeuer und Explosion von Bomben. Der deutsche Konsul Wustrow verteidigt sich mit eiserner Beharrlichkeit, schützt die seiner Obhut Anvertrauten unter Einsetzung seines Lebens, und es hat den Anschein, daß die Angreifer, ebenso wie voriges Jahr, ihr Beginnen wieder aufgeben werden. Wustrow soll am Nachmittag bei der Verteidigung des Konsulats verwundet worden sein.

Zum Verständnis der Lage diene folgendes: Die türkischen Nationalisten und die Bolschewisten hatten die Engländer in der Provinz Aserbeidschan geschlagen. Es kämpfen dort Perser gegen Perser, Bolschewisten und Nationaltürken gegen Engländer und die im englischen Solde stehenden persischen Demokraten. Dieser Kampf konzentriert sich nun um Täbris, wo das deutsche Konsulat der einzige unparteiische Ort im Bürgerkriege war. Das Konsulat wurde Asyl für Verfolgte, die nun von Englands Söldlingen angegriffen wurden. Der Konsul Wustrow ist für die Unverletzlichkeit seines Hauses mit seinem Leben eingetreten und anscheinend gefallen – ein Opfer echt deutscher, mutiger Pflichterfüllung ohne Rücksicht auf das eigene Leben.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 11.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_06_0061.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:MesjedKoucheekKazvin.jpg#/media/Datei:MesjedKoucheekKazvin.jpg