100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Eine Regierung „für“, nicht „mit“ den Arbeitern

Die schwierige Regierungsbildung veranlasst die Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach, zu einer Analyse der aktuellen Situation mit besonderem Fokus auf die Rolle der Deutschen Volkspartei und dessen stellvertretenden Vorsitzenden, Dr. Heinze.

Rudolf Heinze

Zur Regierungskrise – Dr. Heinze zu Ebert berufen!

Reichskanzler Müller hat den Auftrag zur Kabinettsbildung heute dem Reichspräsidenten zurückgegeben. Der Reichspräsident hat nunmehr den Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, Abgeordneten Dr. Heinze zu einer baldigen Unterredung zu sich gebeten. Dr. Heinze ist zurzeit in Dresden.

Nachdem das törichte Verhalten der Unabhängigen (siehe unseren heutigen Leitartikel) die Bildung einer Linkskoalition vereitelt hat, bleibt als nächste Möglichkeit nur die Bildung einer Regierung der bürgerlichen Mittelparteien: Deutsche Volkspartei Zentrum und Demokraten. Dr. Heinze wird als der geeignete Mann betrachtet, eine solche Regierung zustande zu bringen, da er im Reichstag persönliche Sympathien genießt und nach links hin nicht so herausfordernd wirkt wie Helfferich oder Stresemann.

Das „Berliner Tageblatt“ lässt sich zur Regierungskrise folgendes melden:

„In einem schwerindustriellen Abendblatt, das gewiss sehr gute Beziehungen zur Deutschen Volkspartei hat, wurde gestern mitgeteilt, wie man sich in den Kreisen dieser Partei die Kabinettsbildnerrolle des Herrn Dr. Heinze denkt. Herr Dr. Heinze solle zuerst versuchen, „die Basis für ein Kabinett so breit als möglich zu machen“, und er solle „eine Art Wirtschaftskabinett“ anstreben mit Fachministern und „parlamentarischen Verbindungsmännern“. Indem man diese „Art Wirtschaftskabinett“ vorschlägt, will man, wie man sagt, den Sozialdemokraten entgegenkommen. Sollten diese Bemühungen an dem Widerstand der Sozialdemokraten scheitern, so werde man nicht etwa arbeiterfeindlich werden, sondern werde „eine Regierung für die Arbeiter auch ohne Beteiligung der sozialistischen Arbeiterparteien“ zu bilden versuchen.“

Hierzu bemerkt das Blatt, dass die Demokraten sich an einer Kabinettsbildung unter Führung der Deutschen Volkspartei nicht beteiligen würden und dass eine Regierung der Deutschen Volkspartei „für die Arbeiter“ sehr bald zu einer Regierung „gegen die Arbeiter“ werden würde.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 14.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0767.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149777

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Heinze#/media/Datei:HeinzeRudolf1920.jpg