100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Farbe bekennen!

„Die Reichsfarben sind schwarz-rot-gold.“ So heißt es in Art. 3 der neuen Reichsverfassung, doch woher kommen diese Farben? Ein Artikel im Jenaer Volksblatt gibt Antworten und fordert ein emphatisches Bekenntnis zum neuen „Reichsbanner“.

Das 1927 eingeführte "Reichsbanner" wurde bei offiziellen Feierlichkeiten verwendet

Schwarz-weiß-rot – Schwarz-rot-gold.

Von Dr. Herz.

„Vierundsiebzig Demokraten

Haben Schwarz-weiß-rot verraten“

so lese ich in einem mit von Antisemitismus nicht freien Karikaturen geschmückten, auch mir zugesandten Werbeschreiben der Deutschen Volkspartei für ihren Wahlfonds.

Nun stimmt das natürlich nicht. Nur ein kleiner Teil der Demokraten hat in Weimar für schwarz-rot-gold gestimmt. Erst nachdem der Antrag für schwarz-weiß-rot gefallen war, stimmte ein größerer Bruchteil für den Kompromißantrag: die Farben des neu einzuführenden Reichsbanners – die alte Verfassung kannte ein solches nicht – sind schwarz-rot-gold, die Handelsflagge bleibt schwarz-weiß-rot mit einer schwarz-rot-goldenen „Gösch“.

Soweit zur Steuer der von der Deutschen Volkspartei in ihrem Kampfe gegen die Demokraten nicht allzu häufig beobachteten Wahrheit. Haben die, die für schwarz-rot-gold gestimmt haben, Verrat begangen? Ist schwarz-rot-gold, wie ein Oberlehrer in einer volksparteilichen Wahlversammlung sagte, nur ein „schmutziger Lappen“?

Als das deutsche Volk sich von der napoleonischen Fremdherrschaft befreit hatte, wählte sich die deutsche Burschenschaft die Farben schwarz-rot-gold. Niemand weiß recht, woher der Dreiklang kommt. Aber seitdem sind sie Menschenalter hindurch das Symbol des burschenschaftlichen Gedankens geblieben, des Gedankens, daß über die landsmannschaftlichen Trennungen hinaus Freiheit und Einheit Deutschlands erkämpft werden müsse. „Gott, Ehre, Freiheit, Vaterland“: der Wahlspruch der deutschen Burschenschaft ist in den Farben verkörpert. Ein jeder weiß, wie das in den Freiheitskriegen vergossene Blut der Völker mißbraucht wurde, um die geborstenen Throne zu kitten, daß das damals noch kerndeutsche Elsaß gegen seinen Willen bei Frankreich blieb, um den Bourbonen ihre Rückkehr zu erleichtern, daß die verheißenen Verfassungen versagt wurden. Schwarz-rot-gold wurde der Protest der Kämpfer für Freiheit und Einheit gegen gebrochene Königsworte.

Bald mußte die Burschenschaft singen:

Das Band ist zerschnitten,

War schwarz, rot und gold,

Und Gott hat es gelitten,

Wer weiß, was er gewollt.

Wer schwarz-rot-gold trug, wurde verfolgt, mußte im Festungsgefängnis schmachten; an Deutschlands Einheit und Freiheit auch nur zu denken, war ein todeswürdiges Verbrechen. Aber die Farben starben nicht, sie behielten den alten Sinn.

Als in den Märztagen 1848 die Revolution gesiegt hatte, wurde Friedrich Wilhelm IV., der die Kaiserkrone abgelehnt hatte, weil sie ihm nicht von den Fürsten, sondern von der Nationalversammlung angeboten war, und er sie als mit dem „Ludergeruch der Revolution behaftet“ nicht aus dem „Kot der Straße auflesen“ wollte, gezwungen, bei seinem Ritt durch Berlin die Farben als Zeichen der deutschen Einheit zu tragen.

Und dann kam nach fast 20 Jahren der Augenblick, in dem für kurze Zeit die Farben schwarz-rot-gold von Amts wegen als deutsche Farben anerkannt wurden; nach dem Bruderkrieg von 1866 erhielt das 8. Armeekorps, das „Reichs-Kontingent“, schwarz-rot-goldene Armzeichen.

Bismarcks Werk brachte die kleindeutsche Lösung, ein Deutsches Reich ohne unsere deutschen Brüder in Oesterreich, die Reichseinheit im Gegensatz zur Habsburgischen Doppelmonarchie. Bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein schien vielen von uns jedoch schwarz-rot-gold als Symbol der großdeutschen Hoffnungen, die Farben blieben uns so das selbstverständliche Zeichen unserer Träume, daß die alten Herren einer Berliner Burschenschaft ihr Band einsenden wollten, als in ihm das Gold in Silber geändert wurde. Daß die Farben noch lebendig in vieler Herzen lebten, zeigte sich darin, daß im November 1918 die zurückflutenden Truppen, soweit sie nicht Sozialisten waren, sich mit schwarz-rot-goldenen Abzeichen schmückten. Viele, die diese Farben heute schmähen, atmeten sogar befreit auf, als sie zuerst in der Flut der roten Fahnen auftauchen sahen. Damals hieß es in der deutschnationalen „Post“:

„Es wird ein Farbendreiklang wieder zur Geltung und zur Ehre gebracht, der in den Zeiten der nationalen Erhebung Deutschlands eine wichtige Rolle gespielt hat.“

Und sogar die ultrareaktionäre „Deutsche Zeitung“ schrieb am 16. Juni 1918: „Helfen kann uns nur die befreiende schwarz-rot-goldene Tat zur Einheit, Ordnung und Freiheit“, und weiter:

„Wenn heute das ganze deutsche Volk zusammengefaßt werden soll, unseretwegen auch im Zeichen der Demokratie, dann besinne man sich wieder auf die Zeichen schwarz-rot-gold. Sie sind die Kennzeichen des deutschen Idealismus, sie sind das Sinnbild großer Gedanken, denen damals allerdings die großen Taten fehlten. … Die Einheit des deutschen Volkes ist in diesen Farben versinnbildlicht.“

Abgesehen von dieser historischen Bedeutung war es die Hoffnung, das deutsche Oesterreich mit uns zu vereinen, die die Begeisterung für schwarz-rot-gold, die im Süden überhaupt noch lebte und nur in Norddeutschland verglommen war, neu entfacht. Nachdem diese Hoffnung zerstoben war, scheint es auch uns, um deren Jugenderinnerungen das schwarz-rot-gold sich rankt, klüger, wenn man bei dem schwarz-weiß-rot geblieben wäre, schon um unserer Landesleute willen, die Gewalt von uns getrennt hat.

Sind aber diejenigen, die jetzt mit Schmähungen gegen die Andersdenkenden für schwarz-weiß-rot eintreten, alle innen wirklich schwarz-weiß-rot, sind nicht viele im Innersten nur schwarz-weiß? Es taucht die Erinnerung an die Zeiten von 1871 auf. Kaiser Friedrich erzählt in seinem Tagebuch, daß die echtpreußischen Leute damals in Versailles ostentativ sch schwarz-weiße Abzeichen trugen.

Nunmehr ist durch die Agitation der Rechten und den Kapp-Putsch die Fahne, unter der alle Deutschen mehr denn vier Jahre gekämpft und geblutet haben, zum Zeichen der Reaktion entwürdigt worden; schwarz-weiß-rot ist Parteifahne geworden, genau so wie das Rot der Sozialisten. Schwarz-weiß-rot ist entweiht wie vor 20 Jahren unser schönes Lied: „Deutschland, Deutschland über alles“ entweiht wurde, als es zum antisemitischen Kampflied gestempelt worden war.

Eine große gemeinschaftliche Idee hat es von dem Mißbrauch wieder entführt, möge recht bald die Zeit kommen, in der alle Parteien, die zu einem Nationalstaat sich bekennen, das Reichsbanner heilig halten.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 4.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273601/JVB_19200604_129_167758667_B1_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371022

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Flaggen_der_Weimarer_Republik#/media/Datei:Reichsbanner_1927.svg