100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

In der Mitte liegt die Kraft (?)

Der Deutsche aus Sondershausen frohlockt angesichts der Bildung des Kabinett Fehrenbachs. Endlich seien die „klassenegoistischen“ Sozialisten nicht mehr an der Macht und mit Deutschland könne es aufwärts gehen. Dass die Regierung ohne die SPD über keine parlamentarische Mehrheit verfügt und durch die Hinzuziehung der DVP immer noch sehr heterogen ist, trägt stark zu ihrer Instabilität bei.

"Nicht so stark applaudieren, sonst fallen sie um!"

Die Regierung der Versöhnung

Der Kanzler des Deutschen Reiches, Herr Fehrenbach hat am Montag das Kabinett der Mitte dem Reichstag vorgestellt und das Regierungsprogramm verlesen, das auf einen grollenden und murrenden Block der Unabhängigen stieß. Die einzelnen Einwände aus diesen Reihen waren geradezu kindlich. Aber Fehrenbachs Programm hat von vornherein mit dem Widerstand des roten Blocks zu rechnen, der vollkommen radikal die Grundlagen des Wiederaufbaues zerstören, den Wiederaufbau nach pseudo-bolschewistischer Methode beginnen und alles mögliche Revolutionäre will, nur nicht ein Zusammenbringen der Schichten unseres Volkes aus den Parteilagern zum gemeinsamen Wirken. Die lärmende Opposition von links wurde von den Mehrheitssozialisten nicht mitgemacht. Sie warten ab, sind ohne Verantwortung, aber vertreten Schichten, deren Mitarbeit keine Nation entbehren kann. Alle anderen Parteien unterstützten Fehrenbachs Programm mit mehr oder weniger großen Vorbehalten, und diese Unterstützung sicher dieser Regierung die Grundlage, von der aus sie an die schwierigen Aufgaben herantreten muß.

Wäre man nur Parteipolitiker, dann würde man mit der Sonde der parteimäßig gebundenen Kritik bloßlegen, wie sehr die Verteilung der Ministergewalten parteimäßig ist, daß Zentrum und Demokraten im Kabinett Parteigrößen in einer Menge haben, die gar nicht im Verhältnis steht zur Stärke ihrer Fraktionen. Man kann auch darauf hinweisen, daß die politische Grundanschauung des Zentrums, das eine Partei des Autoritätsdogmas ist, eigentlich unvereinbar bleibt mit der kulturellen Grundanschauung der Demokraten. Vermittelnd, selbstlos und der nationalen Aufgabe bewußt, zu schaffen, solange es Tag ist, und zu vermeiden, daß die Dämmerung des Bankerotts auf Deutschland sinkt, hat die Deutsche Volkspartei sich zum Eintritt in die Regierung entschlossen, und das wirtschaftliche Moment, den Gedanken der Rettung Deutschlands und die Idee des Abbaus der Klassengegensätze, der Toleranz und der Humanität, in den Vordergrund gerückt. Davon lebt dieses Regierungsprogramm und die Befolgung dieser Ideen wird das deutsche Volk allein zu retten vermögen.

Als in leidenschaftlicher und tiefgläubiger Sprache Kanzler Fehrenbach nach Verlesung des Programms diese Gedanken zusammenfaßte, als er um Vertrauen und Mitarbeit warb und an das deutsche Gefühl der Sozialisten appellierte, war die Wandlung vom Parteiprogramm zum deutschen Programm des Wiederaufbaues vollzogen. Der inbrünstige Glaube an das Gute, die ruhige und bestimmte und feste Art des Willens zur Rettung wirkte stark und war eindringlich und Lichtblick im trüben Grau unser politischen und wirtschaftlichen Lage. In diesen Bekenntnis des Kanzlers war das ethische Moment des außen- und innenpolitischen und wirtschaftlichen Programms, das in vielen Einzelheiten wohl dem der abgelebten deutschen Regierungsprogramme gleicht, das aber mehr moralisch werbende und praktischere Gesichtspunkte enthält, als die Programme der Vorgänger dieses „bürgerlichen“ Kabinetts.

Zwei Pole gruppieren gegenwärtig die Fülle der Fragen: Spaa und Deutschlands wirtschaftliche Not. In der auswärtigen Politik steht die neue Regierung auf dem Grundsatz, daß ein Zusammenbruch Deutschland Europas Ruin und daß Mißtrauen in Deutschlands guten Willen und in die Ernsthaftigkeit seiner Bestrebungen den Ruin herbeiführt. Aber über moralische und sentimentale Beteuerung hinweg will die neue Regierung in Spaa mit offenem Visier auftreten. Sie wird statt moralischer Sentenzen die eherne Wucht der Zahlen sprechen lassen und dem Gegner beweisen, daß wir wirklich abrüsten und nicht an Revanchepolitik denken können, daß wir den Versailler Vertrag erfüllen müssen und erfüllen wollen bis zur Grenze des Möglichen und als Wiedergutmachung ganz bestimmte Posten aufzubringen vermögen und aufbringen werden. Wenn ernsthaftes kaufmännisches und kühles Rechnen überhaupt noch zu wirken vermag, wenn die anderen Nationen tatsächlich ihren Zerstörungstrieb aufgeben wollen, sofern sie Deutschlands Ernst und guten Willen sehen, dann muß diese Methode Frucht tragen. Wir haben immer wieder betont, daß nicht Gefühlspolitik und Appell an die Weichmütigkeit vom Gegner etwas erringt, sondern nur die Methode, die das neue Kabinett zum ersten Mal grundsätzlich befolgen will. Wenn wir so die Grundlage einer Berechnung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse in Spaa erlangt haben, kann das Programm des inneren Wiederaufbaus in Angriff genommen werden. Es war erfreulich, daß der Kanzler auch die geistigen Güter als unentbehrliche Faktoren einer pfleglichen Behandlung hinstellte und damit das Gegengewicht gegenüber dem Materialismus kennzeichnete. Was wir nötig haben ist eine Vergeistigung, nicht Politisierung sondern Entpolitisierung unseres Wirtschaftslebens. Folgerichtig wird das Wiederaufbauprogramm dieses Kabinetts getragen von den Gedanken an eine starke Regierungsgewalt, die der Anarchie wehr und den Bürgerkrieg, von welcher Seite er auch komme, schonungslos verhindern muß. Aus dieser Grundanschauung folgt ferner die unbarmherzige Verhinderung der Sabotage von Steuergesetzen oder wirtschaftlichen Einrichtungen oder dem Mitbestimmungsrecht erwerbstätiger Schichten. Darin liegt die Abkehr von der Klassenpolitik und der Parteiherrschaft und die Aufnahme des deutschen Programms des Ausgleichs der klassenegoistischen Triebe. Die Wiederherstellung der Gütererzeugung, diese Grundlage neudeutschen Lebens ist nur auf diesem Wege und unter diesen Voraussetzungen möglich. Es handelt sich tatsächlich, wie der Kanzler ausrief, um Leben oder Sterben.

[…]

Quelle:

Der Deutsche vom 30.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246778/SDH_19376538_1920_Der_Deutsche_0637.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00307212

 

Bild:

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