100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Keine Gerechtigkeit für ermordete Arbeiter

Die Ermordung von 15 unrechtmäßig inhaftierten Arbeitern durch Regierungstruppen im thüringischen Mechterstädt bei Gotha hatte für große Empörung nicht nur im sozialistischen Lager gesorgt. Über die Rechtmäßigkeit des Handelns der Soldaten im Rahmen der durch den Kapp-Putsch ausgelösten Kämpfe entscheidet aber nicht ein ziviles, sondern ein militärisches Gericht. Nun ist das Urteil bekannt und der Freispruch sorgt für eine weitere Polarisierung der politischen Landschaft, wie dieser Artikel der sozialdemokratischen Volkszeitung zeigt.

Gedenktafel in Marburg

Das ermordete Recht

Zum Drama von Mechterstedt.

Marburg, 19. Juni. In der Verhandlung des Kriegsgerichts der ehemaligen 23. Division wegen der Vorgänge bei Bad Thal wurde heute das Urteil verkündet. Es lautet für sämtliche Angeklagten auf

Freisprechung.

Das Gericht erkannt an, daß einige der Zeugen beleidigt und mißhandelt worden seien; die Feststellung dieser Tatsache sei aber die Aufgabe eines weiteren Verfahrens.

Dieser Ausgang des Mordprozesses von Thal bestätigt den Eindruck, den weite Kreise des Volkes seit Jahr und Tag in steigendem Maße gewonnen haben: das Rechsbewußtsein wird durch Gerichtsurteile wie das vorstehende systematisch abgetötet, geradezu ermordet, wie die Arbeiter von Mechterstedt.

Der Richter ist in Deutschland noch immer unabsetzbar und unbeeinflußbar in seinem Urteil. Unbeeinflußbar wenigstens durch Vorgesetzte oder durch Volksmeinungen. Deshalb gibt der Richter nichts auf das, was außerhalb des Saales über sein Urteil geredet oder geschrieben wird. Er ist in seinem Amt nur sich selbst verantwortlich. Wenigstens auf dem Papier und verfassungsgemäß. In der Praxis aber unterliegt jeder Richter und jedes Kollegium von Richtern der Anschauung und den Einflüssen der Klasse, aus der sie hervorgegangen sind und in der sie leben. Wenn das für bürgerliche Richter gilt, so in erhöhtem Maße für die Militärgerichte, die außer dem allgemeinen Klassengefühl auch noch dem besonderen Einfluß des Offiziersstandes unterworfen sind.

Von einem solchen Militärgericht ist der Freispruch gefällt, der die studentischen Mörder von Marburg aller Schuld ledig spricht. Höchstens daß einige der „Mißhandlung“ verdächtig seien, aber das müsse erst ein anderes Verfahren ergeben.

Man muß gegenüber diesem Urteil wirklich alle Kaltblütigkeit aufbringen, um es auch nur aus dem Milieu der Richter selbst begreifen zu können. Aber keine kühle Ueberlegung, kein Verstehenwollen hilft über den Berg: dieser Freispruch an den Mördern von Thal ermordet das Recht und das Rechtsgefühl des Volkes!

Sechzehn Arbeiter – vermeintliche Spartakisten – werden von der studentischen Zeitfreiwilligenkompagnie aus ihren Wohnungen geholt, nach Gotha mitgeschleppt, unterwegs, wie erwiesen ist, von den Musensöhnen im Stahlhelm in schamloser Weise mißhandelt, in den Chausseegraben getrieben und dann „auf der Flucht erschossen!“ Nach dem Sachverständigen-Befund müssen ganze Salven auf die einzelnen Opfer abgegeben sein, teils von hinten, teils von der Seite, teils von vorn, fast alle Schüsse aber aus nächster Nähe. Das alles steht fest. Es steht nach seinem eigenen Zeugnis fest, daß der frühere Fregattnkapitän und jetzige Student Selchow als Bataillonskommandant den Zeitfreiwilligen vorher befohlen hat, auf jeden Fliehenden zu schießen. Und daß dieser Befehl befolgt ist, wie die Studenten ihn als ehemalige Offiziere verstanden und verstehen wollten. Die Gefangenen wurden durch Kolbenstöße vom Wege abgedrängt, um die „Flucht“ zu erzwingen. Einige derjenigen, die dem Schicksal der Fliehenden entrannen, haben ausgesagt, wie sehr sie sich körperlich wehren mußten, um nicht auch in die „Flucht“ zu geraten. Es steht weiter fest, daß sogar Offiziere der Nachbarkompagnien sich der Behandlung der Gefangenen durch den Transport Goebel geschämt haben und die Opfer aus dieser Behandlung herausgenommen haben.

Trotz alledem hat das Militärgericht von Marburg den Freispruch gefällt. Eine Begründung des Urteils liegt noch nicht vor. Wir können sie auch entbehren. Denn wie man diesen Freispruch, der ein Fehlspruch ist, auch begründen will, die Wirkung bleibt bestehen, daß er als ein Mord am Rechte erscheint.

Seit dem Weltkrieg sind die Menschenleben billig geworden. Viele, die draußen gesehen, wie die Millionen kostbarer Menschenleiber vernichtet wurden, haben die natürliche Scheu vor dem Tode und dem Töten verloren. Deswegen hat die Nachkriegszeit weit mehr Menschenopfer in Deutschland gefordert, als in langen Friedensjahren jemals gefallen sind. Auf beiden Seiten sind diese Opfer gefordert worden. Im Bürgerkrieg wird so wenig wie im Völkerkrieg gefragt, welcher Kampfpartei der Mann angehört, die die tötende Kugel trifft.

Aber trotz Neuring, trotz Klüver, trotz selbst der Münchener Geiseln [, die 1919 von Soldaten der Räterepublik exekutiert worden waren, Anm.] muß man doch feststellen, daß die größere Zahl der Opfer auf der Arbeiterseite liegt. Wer die Tötung der Münchener Geiseln im Keller des Luitpoldgymnasiums mit Abscheu und Empörung vernommen, wird über die Hinrichtungen nicht weniger empört sein, die die Standgerichte während der Kapptage und nach ihnen anordneten und vollziehen ließen.

Aber man vergleiche das Los, das die „Geiselmörder“ von München traf, mit dem der Kappisten und der Studenten von Marburg! Man vergleiche die Urteile, die im Ruhrrevier von Ausnahmegerichten in Massen gegen wirkliche und vermeintliche Angehörige der roten Armee gefällt wurden, mit den Urteilen der Kriegsgerichte gegen Marloh und Genossen, mit dem Urteil der Studentenmörder von Marburg. Man denke nur daran, daß das Verfahren gegen die Kappisten dem Reichsanwalt überwiesen ist und daß noch keinem der Prozeß gemacht wurde. Wer kann angesichts all dieser Verfahren dem einfachen Mann aus dem Volke unrecht geben, wenn er meint, daß das Recht aus der Welt verschwunden sei, daß die Justitia ihre Blindheit verloren habe? Daß nicht mehr allein nach der Tat, sondern nach dem Täter geurteilt werde? Alle objektive Begründung eines Urteils kann nicht über den Gesamteindruck hinweghelfen, daß der Arbeiter angeklagt und verurteilt wird, daß aber der Offizier und sein Klassengenossen straffrei ausgehen. Das Urteil von Marburg unterstreicht dies Empfinden, mildert es nicht.

[…]

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 22.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0864.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149810

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Morde_von_Mechterstädt#/media/Datei:Marburg_Morde_von_Mechterstädt_Gedenktafel.jpg