100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kirchliche Probleme

Die evangelische Kirche war nach der Novemberrevolution, dem Verlust der Einheit von Thron und Altar und Forderungen nach einer Trennung von Staat und Kirche in eine sagen wir schwierige Lage geraten. Der politische Bedeutungsverlust der Kirchen ging in den folgenden Jahrzehnten immer weiter – so ist uns auch heute noch das Thema der Kirchenaustritte präsent. Im Jahr 1920 beschäftigte sich die evangelische Kirche mit ebensolchen Problemen.

Der ehemalige Sitz des Landeskirche in Eisenach

Der Austritt aus der Landeskirche.

Der sachsen-weimarische Landeskirchenrat hat am 25. Mai eine Verordnung erlassen, die sich mit dem kirchlichen Verhalten in Fällen des Austritts und des Wiedereintritts in die Kirche beschäftigt.

Die Austrittserklärung ist bekanntlich erst nach vierwöchiger Frist wirksam. Diese Zeit soll zur Beeinflussung des Austretenden, nach Ermessen des Pfarrers, benutzt werden. in größeren Gemeinden ist möglichst die Hilfe von Laien mit heranzuziehen.

Wer aus der Kirche austritt, verliert jeden Anspruch auf kirchliche Amtshandlungen, Ausnahmefälle sind in die Entscheidung des Pfarrers gestellt. Taufen von Kindern sollen nur erfolgen, wenn die Gewähr evangelischer Erziehung gegeben ist. Nur konfirmierte Christen können Patenstelle übernehmen. Personen, die aus der evangelischen Kirche ausgetreten sind, ohne sich einer anderen christlichen Gemeinschaft angeschlossen zu haben, werden als Paten nicht zugelassen. Konfirmiert kann nur werden, wer der Kirche angehört. Trauungen sollen nicht stattfinden, wenn beide Teile nicht mehr zur Kirche gehören, sondern nur vollzogen werden, wenn ein Teil noch zur Kirche gehört und von beiden Seiten die schriftliche Zustimmung zur Gründung einer christlichen Familie mit evangelischer Kindererziehung gegeben wird.

Die Spendung des Abendmahls an getaufte Ausgetretene ist bei Todesgefahr zulässig. Kirchliche Begräbnisse sind im allgemeinen zu verweigern.

Ueber den Wiedereintritt sind ebenfalls Bestimmungen zu erlassen, er ist zu verweigern, wenn er offenbar aus unlauteren Beweggründen begehrt wird. die kirchlichen Rechte sind dem Wiedereintretenden von neuem zuzubilligen.

Die Pfarrämter haben Verzeichnisse der Ausgetretenen zu führen, von jedem Austritt und Wiedereintritt ist das Pfarramt des sachen-weimarischen Tauforts in Kenntnis zu setzen.

Quelle:

Jenaer Volkszeitung vom 16.6.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273611/JVB_19200616_139_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelisch-Lutherische_Kirche_in_Thüringen#/media/Datei:Thueringen_Eisenach_Villa_Eichel-Streiber.jpg