100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kohle, Kohle, Kohle

Kurz nachdem Ernst Scholz (DVP) am 25. Juni 1920 zum Reichswirtschaftsminister ernannt geworden war, werden nun die ersten Stimmen laut, die seine Besetzung und die Regierung des Kabinetts Fehrenbach außerordentlich skeptisch sehen. Im Folgenden lesen wir sozialdemokratisch orientierte Kritik aus Bergarbeiterkreisen.

Ernst Scholz (1874-1932)

Starkes Mißtrauen der Bergarbeiter gegen die neue Regierung

Aus Bergarbeiterkreisen wird uns geschrieben:

Der wirtschaftliche Ausbau hängt zum wesentlichsten Teil ab von der Erschließung unserer Rohstoffquellen und dem Aufbau des Arbeitswillens der Bergarbeiter. In dieser Richtung hat das Reichswirtschaftsministerium unter seiner bisherigen Leitung mit dem größten Erfolg gearbeitet. Seiner Tätigkeit in erster Linie war die Abwehr der Sechsstundenschicht zu verdanken, die uns ohne die technische und siedlungspolitische Vorbereitung 25 bis 30 Millionen Tonnen Steinkohle gekostet hätte. Unter der Initiative des Reichswirtschaftsministeriums wurde das Ueberschichtenabkommen im Ruhrbergbau abgeschlossen, das uns wöchentlich 400 000 Tonnen Kohle mehr bringt. Die enorme Siedlungstätigkeit im Bergbau verdanken wir der bisherigen Leitung des [sozialdemokratisch geführten, Anm.] Wirtschaftsministeriums und seiner bergbaulichen Fachleute.

Der Charlottenburger Oberbürgermeister Scholz soll nun der langgesuchte Fachminister in diesem wichtigsten Ressort werden. Wir beneiden den Mann nicht um seine Aufgabe. Wir können aber nicht glauben, daß er mit volksparteilichen Rezepten das Errungene halten kann. Und noch weniger, daß er in der Lage ist, es auszubauen. Ob sein Name in Oberschlesien so werbend wirkt, daß er dieses wichtige Kohlenbecken zu erhalten versteht, ist eine zweite Frage, zumal die berüchtigten Salafisten, deren verblendete Politik wir heute in Oberschlesien auszulöffeln haben, in der Nationalliberalen Partei, der heutigen Deutschen Volkspartei, saßen.

In den Kreisen der Bergarbeiter betrachtet man den Wechsel mit dem allergrößten Mißtrauen, sowohl aus wirtschaftlichen wie aus sozialpolitischen Gründen. Hier liegt eine Riesengefahr für unser Wirtschaftsleben, denn wenn durch großkapitalistische Rezepte das im Bergbau Erreichte neu in Frage gestellt wird, so sitzen wir tiefer in der Tinte als jemals zuvor. Um so erstaunter ist man in den Kreisen der Bergarbeiter, daß man den Staatssekretär Hirsch im neuen Kabinett über die Klinge springen lassen will, der sich allerdings die Ungnade des Herrn Stinnes in sehr reichem Maße zugezogen hat. Nach Lage der Sache würden die Bergarbeiter in der Beseitigung des Staatssekretärs Hirsch die Preisgabe des bisherigen Linien unserer Wirtschaftspolitik erblicken. Das könnte Verwicklungen auslösen, die das neue Kabinett zum mindesten nicht beschleunigen sollte. Denn es ist auf die Duldung durch die Arbeiterschichten in der Rohstoffindustrie in ganz anderem Maße angewiesen als jedes bisherige und sollte daher alles vermeiden, was wie eine Provokation aussteht.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 29.6.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0944.TIF

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Scholz_(Politiker,_1874)#/media/Datei:ScholzErnst1930.jpg