100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kommt der nächste „Speckputsch“?

Lebensmittelteuerungen sind in diesen Tagen auch in Deutschland ein Teil der Normalität. Die Probleme bei der Nahrungsversorgung führten schon während des Weltkrieges zu örtlich begrenzten Krawallen und Plünderungen. In der Nachkriegszeit treten sie wiederholt auf, auch wenn die Polizeikräfte dagegenhält. Eine Politisierung der Unruhen, wie sie die USPD beim sog. „Speckputsch“ 1919 in Bayreuth erfolgreich erreichen konnte, bleibt 1920 aber aus.

Szene des "Speckputsches", 1919

Neue Lebensmittel-Unruhen.

München, 26. Juni. Der Ministerpräsident [Gustav Ritter von Kahr, Anm.] empfing gestern in Anwesenheit des Landwirtschaftsministers und des Ministers für soziale Fürsorge Vertreter der christlichen und der freien Gewerkschaften, die Klagen über die Lebensmittelteuerung und eine drohende weitere Verteuerung der notwendigen Bedarfsgegenstände vorbrachten. Den Vertretern wurde mitgeteilt, daß die Regierung alles daransetze, um ungerechtfertigte Preiserhöhungen zu vermeiden und sobald als möglich einen Abbau der Preise herbeizuführen. Vor allem werde die Regierung bei den Verhandlungen über die Neufestsetzung der Getreidepreise darauf bedacht sein, daß der Brotpreis unter keinen Umständen erhöht wird.

Bremerhaven, 26. Juni. In den frühen Morgenstunden begannen auf den Märkten der drei Unterweser-Städte Bremerhaven, Geestemünde und Lehe Lebensmitteltumulte. Die Menge bemächtigte sich der Verkaufsstellen und verkaufte die Waren mit 100 bis 200 Prozent Verlust. Es bildeten sich dann Trupps von Frauen aus dem Arbeiter- und Mittelstand, welche die Lebensmittelgeschäfte in den Hauptstraßen stürmten.

Bremen, 25. Juni. Im Laufe der späteren Nachmittagsstunden nahmen die Krawalle in den Vororten Walle, Gröpelingen, Hastedt und Hemelingen einen gewaltigen Umfang an. Es kam verschiedentlich auch zu schweren Ausschreitungen gegen die Sicherheitsmannschaften. In den Vorort hauste die Menge nach Schluß der Arbeitsstunden furchtbar und regelrechte Plünderungen setzten ein, die nur stellenweise verhindert werden konnten. Im Verlaufe des gestrigen Tages wurden etwa 50 Verhaftungen vorgenommen wegen Widerstandes, schweren Hausfriedensbruches, Raubes und Plünderung. Durch Waffenanwendung von Beamten ist niemand verletzt worden. Auch in Delmenhorst ist es gestern zu großen Plünderungen von Läden gekommen.

Magdeburg, 26. Juni. Auf dem hiesigen Wochenmarkt kam es morgens infolge der hohen Lebensmittelpreise zu Ausschreitungen, die schließlich in Tätlichkeiten ausarteten. Berittene Polizei säuberte den Platz und die angrenzenden Straßen und stellte die Ruhe wieder her.

Duisburg, 26. Juni. Auf dem hiesigen Gemüse- und Obstmarkt erzwang eine große Menschenmenge die Herabsetzung aller Preise für Obst und Gemüse. Die Händler mußten Kirschen für 2 Mark das Pfund verkaufen, Gurken für 1 Mark, alle anderen Preise wurden annähernd um die Hälfte herabgesetzt. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Ein starkes Polizeiaufgebot sorgte für die Aufrechterhaltung der Ruhe.

Stuttgart, 26. Juni. In Heidenheim, wo seit der Teuerungskundgebung am letzten Dienstag ungesetzliche Zustände herrschten, rückten heute früh Abteilungen der Polizeiwehr und der Verkehrswehr ein und besetzten die Stadt. Die Haupträdelsführer des Aktionsausschusses, der von der Arbeiterschaft zur Kontrolle der amtlichen Stellen eingesetzt war, wurden in Haft genommen. Ueber die Stadt ist der Ausnahmezustand verhängt worden. Die Auslieferung der nach Auflösung der Einwohnerwehr an einen Teil der Arbeiterschaft verteilten Waffen wurden bis heute mittag 12 Uhr verlangt. Die Arbeiterschaft streikt seit Mittwoch.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 28.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273621/JVB_19200628_149_167758667_Be_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371042

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Speckputsch#/media/Datei:Speckputsch.jpg