100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kommt die „nationale Schicksalswende“?

Heute ist Wahltag! Es gibt weder Umfragen noch andere Möglichkeiten der Wahlvorhersage und keine Partei kann sich eines Sieges sicher sein. Für die DVP ruft der Parteivorsitzende Gustav Stresemann zu einer „nationalen Schicksalswende“ auf. Tatsächlich wird die Reichstagswahl einen deutlichen Rechtsruck bringen.

Gustav Stresemann

An die Wahlurne!

Von Dr. Stresemann, M. d. R.

Fünf Wochen eines heißen Wahlkampfes liegen hinter uns. Von seinem ersten Tage an mußte er mit einem Gegner geführt werden, der dem Kampfe am liebsten aus dem Wege gegangen wäre. Nichts war den Parteien der bisherigen Mehrheitsregierung, die sich so gerne selbst die Vorkämpfer des demokratischen Gedankens nennen, unangenehmer, als ein Appell an den Willen des deutschen Volkes. Längst hatte die Nationalversammlung sich überlebt. Alle Zeichen deuteten auf einen völligen Umschwung der Volksstimmung – nichtsdestoweniger sträubten sich die Regierungsparteien gegen eine neue Wahl, die in allererster Linie eine demokratische Notwendigkeit war. Sie wußten wohl warum! Sie wußten, daß die Uhr ihrer Parteiregierung längst abgelaufen war, und daß die ersten Volkswahlen zum neuen deutschen Reichstag ein Volksgericht über die demokratische Partei sein mußten.

Unter diesem Zeichen hat der ganze Wahlkampf gestanden. Frisch und von einer Welle tiefer und glühendster Begeisterung getragen, ist die Bewegung für die Deutsche Volkspartei über das Land hingegangen. Die Wahlversammlungen der Deutschen Volkspartei wurden in allen Gauen des Deutschen Reiches von der Stimmung, die sie beherrschte, auf die Höhe vaterländischer Kundgebungen emporgehoben, und die Siegeszuversicht brach sich nicht minder stürmisch Bahn in Hamburg an der Wasserkante, wie in Stuttgart und München. Mit allen Mitteln kleinlicher parteipolitischer Kampfesweise haben sich die Gegner der Deutschen Volkspartei dieser mächtigen Strömung in den Weg zu stellen versucht. Sie haben persönliche Gehässigkeiten und Verleumdungen nicht gescheut. Aber bis in die letzten Tage des Wahlkampfes blieben Stimmung und Zuversicht unserer Parteifreunde und unserer Anhänger ungeschwächt und ungemindert. Alles, was Demokraten und Sozialdemokraten an Abwehrmitteln versuchten, scheiterte und mußte scheitern an der felsenfesten Ueberzeugung, daß mit den Zielen, die die Deutsche Volkspartei verfolgt, unsere politische und wirtschaftliche Zukunft steht und fällt.

Jetzt gilt es, die Frucht der heißen Wahlschlacht einzuernten, jetzt gilt es, die Begeisterung, die überall im Wahlkampf an den Tag getreten ist, in die Tat umzusetzen. Daß jeder überzeugte Anhänger der Deutschen Volkspartei an die Wahlurne tritt, und seinen Stimmzettel für unsere Liste abgibt, ist selbstverständlich. Aber wir erwarten mehr von ihm. Wir erwarten von ihm, daß er auch die mit fortreißt, die noch lau sind, und die die Größe der bevorstehenden Entscheidung vielleicht noch gar nicht ganz begriffen haben. Die Stimmung, die den Wahlkampf beherrschte, muß sich am Wahltage selbst in einem Brennpunkt sammeln und belebend und anfeuernd durch die Massen gehen. Der letzte Mann und die letzte Frau, die bei der Scheidung der Geister auf unserer Seite stehen, müssen an die Wahlurne gebracht werden, um ihren Stimmzettel für unsere Sache in die Waagschale zu legen.

Wie Feuer müssen am Sonntag allen deutschen Männern und Frauen drei Fragen auf dem Gewissen brennen:

Willst du an Stelle staatlicher Verrottung und Zerrüttung, an Stelle eines zum parteipolitischen Beutesystems herabgewürdigten parlamentarischen Systems wieder ein gesundes, kräftiges Staatswesen, das die alte Autorität aufrichtet, und die alte Unbestechlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Fachkenntnis wieder in ihre Rechte einsetzt?

Willst du an Stelle wirtschaftlichen Niederganges und wirtschaftspolitischen Dilettantismus, an Stelle wirtschaftlicher Selbstsucht und Klassenherrschaft eine Klassenversöhnung im Rahmen vernünftiger Arbeitsgemeinschaft, eine Anbahnung neuen wirtschaftlichen Aufstieges durch führende, sachkundige Männer unseres wirtschaftlichen Lebens?

Willst du an Stelle hilfloser Unfähigkeit und würdeloser Nachgiebigkeit in der auswärtigen Politik die feste Hand sachkundiger Führung und eines, trotz unserer Wehrlosigkeit wohlberechtigten, nationalen Selbstbewußtseins?

Wer diese Fragen auf sich lasten fühlt – und wem hätten anderthalb Jahre unserer Revolutionsregierung sie nicht in die Seele geprägt? – der gebe am Sonntag mit dem Stimmzettel die Antwort. Ein Ja auf diese Fragen bedeutet der Stimmzettel für die Deutsche Volkspartei. Wir rufen alle Männer und Frauen unserer Partei auf, in dieser Stunde ihre Pflicht zu tun.

Tun wir alle unsere Pflicht, so wird der 6. Juni der lang ersehnte Tag unserer nationalen Schicksalswende sein.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 5.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_06_0025.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Volkspartei#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1989-040-27,_Gustav_Stresemann.jpg