100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Krach in der USPD

Die sozialdemokratische Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach berichtet über Auseinandersetzungen innerhalb der USPD über die Frage der abgelehnten Regierungsbeteiligung. Heinrich Ströbel und Karl Kautsky, beide Vertreter des rechten Parteiflügels, kommen hier zu Wort. Später soll Erstgenannter aus der Partei ausgeschlossen werden, Letztgenannter entkommt eben diesem Schicksal, indem er sich von öffentlichen Verkündigungen fernhält. Doch zuvor sorgen beide durch ihre Äußerungen sowohl innerparteilich als auch in der gesamtdeutschen (Medien-) Öffentlichkeit für Aufruhr.

Karl Kautsky (1854-1938)

Das USP-Ketzergericht beginnt

Nicht nur einer der Mutigen seinen Parteigenossen gegenüber, sondern auch einer derjenigen, die einer verständigen und vernünftigen Politik das Wort reden, ist der Genosse Heinrich Ströbel, Mitglied der Unabhängigen Partei und Herausgeber der „Weltbühne“. Wie Kautsky (siehe unsern gestrigen Artikel: „Was nun?“) so beurteilt auch Ströbel die ganz unverständliche Politik der USP, bei der Regierungsbildung, die auf eine glatte Auslieferung des gesamten staatlichen Machtapparates an die bürgerlichen Parteien hinausläuft, auf das entschiedenste. Er bezeichnet in der neuesten Nummer der „Weltbühne“ die Nichtbeteiligung der Unabhängigen an der Regierung

einen Frevel an der Arbeiterklasse.

Darüber ist die unabhängige Presse und allem voran die Jenaer „Neue Zeitung“ aus dem Häuschen, und die letztere schreibt in ihrem gestrigen Leitartikel:

„Der Parteileitung erwächst nunmehr endlich die unabweisbare Pflicht, Herrn Ströbel zu zeigen, daß in der USP nicht länger Platz ist für fanatische Reformsozialisten, die ihre Aufgabe nur darin erblicken, die Partei nach außen zu diskreditieren. Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns. Nach diesem Rezept muß rasch und rücksichtslos verfahren werden.“

Wer ist der nächste, dem man den Hinauswurf androht? Vielleicht Kautsky, der derselben Ansicht wie Ströbel ist? Über Hilferding, dem man den Austritt schon des öfteren nahegelegt hat? Oder der Genosse Oskar Cohn, bisher Abgeordneter für Thüringen, der auf dem Leipziger Parteitag warme Worte für die Wiedervereinigung der sozialistischen Parteien fand, die Diktatur und Moskau ablehnte und man als Strafe dafür auf der Thüringer Reichstagswahlliste von der dritten an die fünfte Stelle setzte?

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 18.6.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0820.TIF

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Kautsky#/media/Datei:Karl_Kautsky_01.jpg