100 Jahre Thüringen
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Max Weber – ein spätes Opfer der Spanischen Grippe

Am 14. Juni verstarb nach kurzer, aber heftiger Krankheit der Münchener Soziologe Max Weber, der zu den unumstrittenen Klassikern seines Faches zählt. Dieser Nachruf des bayerischen DDP-Vorsitzenden Georg Hohmann beschreibt Webers politisches Engagement für die liberale Demokratie.

Max Weber (1864-1920)

Max Weber †

Von G. Hohmann, München.

Nach kaum einem Jahre folgt Max Weber seinem Freunde Friedrich Naumann nach, mit dem er, gleich strebend und doch so verschiedengeartet, manche Wegestrecke zusammengegangen ist. Mit ihm scheidet ein Mann aus der Reihe der Lebenden, der im wissenschaftlichen wie im öffentlichen Leben Deutschlands eine schmerzliche Lücke hinterläßt, einer der umfassendsten Geister, grundgelehrt, mit profundem Wissen auf den allerverschiedensten Gebieten, ein Mann von wissenschaftlicher Weltgeltung, im deutschen öffentlichem Leben, so wenig er auch hervortrat, ein starker Anreger und unerschrockener Kämpfer.

Seine wissenschaftliche Leistung in Nationalökonomie, Soziologie, den verwandten philosophischen Gebieten, wo überall er tiefgrabende Arbeiten lieferte, will ich hier außer Acht lassen. Wie dem werdenden Mann ein Theodor Mommsen, als er ihn prüfte, den Respekt vor seinem Wissen bezeugte, so sahen wir den Gelehrten Max Weber hoch über den Zeitgenossen stehen.

Ich will von seiner Stellung im öffentlichen Leben sprechen. Aus einer liberalen preußischen Beamtenfamilie heraus, sein Vater war nationalliberaler Parlamentarier in der Bismarckzeit, fand er über den evangelisch-sozialen Kongreß hin den Weg zu Friedrich Naumann, dessen nationalsozialen Versuch er in kritischer Mitarbeit begleitete. Vom konservativen Gedankenkreis kam er zur Demokratie. Die sentimental-soziale Einstellung der jungen Pastoren und Professoren um Naumann lag ihm nicht, mit scharfen kritischen Worten richtete er an die jüngeren Christsozialen die Frage, ob sie im Geiste der ethischen Kultur Politik treiben wollen, im Sinne des Mitleides, oder ob sie den politischen Kampf als eine Auseinandersetzung von Herrschaftskräften auffassen wollen und daraus die Konsequenzen ziehen. Er sah von Anfang an den Kernpunkt der politischen Fragen in der Auseinandersetzung des modernen bürgerlichen Staates mit den agrarisch-feudalen Herrschaftsmächten. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben, wenn auch weite Kreise dies nicht eingesehen haben, selbst dann noch nicht, als die Plutokratie des preußischen Landtages „im dritten Kriegsjahr nichts Besseres zu tun wußte, als: ein Gesetz zur Nobilitierung von Kriegsgewinnen zu beraten. Statt daß im deutschen Osten neues Bauernland bereitgestellt würde, sollte hinter dem Rücken des kämpfenden Heeres der deutsche Boden den Eitelkeitszwecken der Kriegsparvenü-Plutokratie für Fideikommißstiftungen zwecks Erlangung des Adelstitels ausgeliefert werden.“ (Weber: Wahlrecht und Demokratie in Deutschland.) Von dem unwürdigem Feilschen der Junker ums preußische Dreiklassenwahlrecht in der Zeit äußerster nationaler Not nicht zu reden. Im politischen Leben vertrat er den Gedanken einer national orientierten Demokratie, den er gegen die Rechte ebenso scharf vertrat wie gegen die Sozialdemokratie, deren „zerbrochenem marxistischem System“ gegenüber er an den Grundlagen der kapitalistischen Entwicklung als einer Notwendigkeit festhielt.

Max Weber gehörte zur Demokratie. Er verschrieb sich kraft seiner Eigenart keinem Parteiprogramm bis zum Letzten und bewahrte sich stets seinen eigenen Standpunkt. Das wußten wir, das achteten wir, ja das liebten wir an ihm, wenn er in seiner Eigenwilligkeit in prachtvollem Zorn oder mutigem Bekennen herausbrechen konnte. Stritt er mit Freund oder Gegner, er war eine Kampfnatur, dann erlebte man mitunter das Elementare und Vulkanische dieses Menschen, aus dem mit dem Feuerstrom auch die Steine und das Geröll herausgeschleudert wurden. So fand er manchen Widerspruch, manche Gegnerschaft, aber wenn auch die äußere Seite oft schroff sein konnte, wer daraus den Menschen beurteilen wollte, würde nur zeigen, daß er jeden Blick für die wahre Größe und den echten Wert dieses Mannes bar ist.

Das deutsche Volk hat unersetzlich viel an ihm verloren, der berufen gewesen wäre, in der Zeit, die kommt, nachdem die Fluten der Verstimmung und der Verängstigung sich wieder verlaufen haben, ein Erzieher und Führer in großem Stile zu sein.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 19.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273614/JVB_19200619_142_167758667_B2_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371035

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Weber#/media/Datei:Max_Weber,_1918.jpg