100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Die Reichstagswahlen sind durch und brachten ein letztlich für alle Seiten unbefriedigendes Ergebnis. Kein Lager konnte eine klare Mehrheit erringen. Für die am 20. Juni anstehenden Landtagswahlen in Thüringen lässt dies nichts Gutes erwarten. Marie Schulz versucht die Wählerschaft der DDP in Jena dennoch hinter die Partei zu scharen. Sie betont die bisherigen Leistungen des Volksrates und warnt vor einem Rechtsruck im neu gegründeten Land Thüringen.

Karte des Landes Thüringen

Was erwarten wir von Thüringen?

Es hat Stimmen gegeben, die der Ansicht zuneigten, daß es vorteilhafter und empfehlenswerter gewesen wäre, die Wahlen zum Thüringer Landtag, die am 20. Juni stattfindet, mit den Reichstagswahlen vom 6. Juni zu verbinden. Von technischen und finanziellen Gesichtspunkten aus mag das gewiß richtig sein. Vom agitatorischen und prinzipiellen Standpunkt aus ist die Trennung beider Wahlen vorzuziehen. Denn es läßt sich nicht bestreiten, daß bei einer gemeinsamen Wahlagitation die Thüringer Fragen vollständig in den Hintergrund gedrängt worden wären. Wenn uns auch nur noch 10 Tage vom 20. Juni trennen, so genügt diese Zeitspanne doch einigermaßen, um die Oeffentlichkeit noch auf die Grundfragen aufmerksam zu machen, von denen die Stellung der Parteien und die Stimmenabgabe der Wähler bei diesem zweiten Wahlgang, dem ersten für den neuen Staat Thüringen, abhängig gemacht werden sollte.

Die Ortsgruppe Jena der Deutschen demokratischen Partei hat in dieser Aufklärungsarbeit den Anfang gemacht mit einer öffentlichen Versammlung, in der am Mittwoch abend im gutbesetzten Saale des Burgkellers das Mitglied des reußischen Landtags Fräulein Dr. Marie Schulz aus Gera einen Vortrag über das Thema hielt: „Was wir von Thüringen erwarten“. Wir lernten in Fräulein Schulz eine Rednerin kennen, die über eine große Sachkenntnis verfügt und die es verstand, durch die Art ihrer Darstellung ihre Zuhörer vom ersten bis zum letzten Wort zu fesseln.

[…] Der augenblicklich in Weimar versammelte Volksrat von Thüringen ist zusammengesetzt auf Grund indirekter Wahlen. Der neue, aus direkten Wahlen hervorgehende Landtag hat nach der vorläufigen Verfassung das Recht, innerhalb sechs Monaten nach seinem Zusammentritt die Verfassung mit einfacher Stimmenmehrheit zu revidieren. Diese durchaus demokratische Bestimmung birgt eine gewisse Gefahr in sich. Die Reichstagswahlen haben ein starkes Abströmen der Wählerschaft nach rechts und links gezeigt. Es ist also anzunehmen, daß auch im neuen Landtag von Thüringen die Kontrolle größer sein werden wie im gegenwärtigen Volksrat. Kommt eine sozialistische Mehrheit zustande, dann ist nach dem Vorgang von Reuß eine Verfassungsrevision im Sinne des Rätegedankens zu erwarten. Auch Gotha hat gezeigt, was von einer rein sozialistischen Regierung zu erwarten ist. Wenn die Rechtsparteien überwiegen sollten, so taucht die Frage auf, ob nicht die bisherige Arbeit für den Zusammenschluß der thüringischen Staaten überhaupt umsonst geleistet ist. Ist doch von dieser Seite aus eine starke Agitation für den Anschluß an Preußen getrieben worden. Auch die Bestimmung der Verfassung über den Volksentscheid hat nicht auf die Liebe der Rechtsparteien zu rechnen.

Für uns Demokraten ergibt sich aus dieser Sachlage die gewaltige Aufgabe, dafür zu sorgen, daß unsere Partei nicht allzu schwach in diesen neuen Thüringer Landtag einzieht, damit die demokratische Verfassung ihr demokratisches Gepräge behält.

Mit dem Zusammentritt des Landtages wird die Wahl der neuen Regierung zu verbinden sein. Man hat sich von dieser Zusammenlegung der Regierungen eine große Vereinfachung und Ersparnis versprochen. Die Erfahrungen, die bei der Zusammenlegung der beiden reußischen Fürstentümer gemacht worden sind, mahnen nach dieser Richtung zur Bescheidenheit. In der Zeit des Uebergangs werden die Ersparnisse nicht allzusehr in die Erscheinung treten. Daß aber die Einzellandtage und die Einzelgesetzgebung aufhören, ist schon ein wesentlicher Vorteil. Auch die Vereinheitlichung der Verwaltung ist zu begrüßen.

[…]

Es läßt sich nicht verkennen, daß die kleinen Staatswesen der Vergangenheit eine große Bedeutung für unsere geistige Kultur hatten. Hier wird nur mit sorgsamer Hand eingegriffen werden können. Die Universität Jena wird dadurch, daß sie in Wahrheit die thüringischen Landesuniversität wird, zu der alle Staaten beitragen, an Bedeutung nur gewinnen können. Auch das Volkshochschulwesen ist auszubauen. Die vorhandenen geistigen Schätze müssen mehr als bisher der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Es gilt, den Geist des Idealismus zu pflegen.

Thüringen soll nicht nur in geographischer Beziehung das Herz Deutschlands sein. Es soll durch seine Einrichtungen und das in ihm herrschende geistige Leben wie einst im 18. Jahrhundert belebendes Blut in die verschiedenen Teile Deutschlands ausströmen. Wenn wir dieses Ziel vor Augen haben, dann werden wir erkennen, daß die bevorstehenden Landtagswahlen an Bedeutung nicht hinter den Reichstagswahlen zurückstehen, dann werden wir auch alles einsetzen müssen, daß die Landtagswahl in unserem Sinne ausfällt: im wahrhaft demokratischen Geiste. (Lebhafter Beifall.)

[…]

Die Versammlung, die bei den Anwesenden die Ueberzeugung festigte, daß trotz der Niederlage am 6. Juni die demokratischen Gedanken richtig sind und mit Zähigkeit festgehalten werden müssen, stand unter Leitung von Frau Lisa Löns.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 10.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273606/JVB_19200610_134_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Land_Thüringen_(1920–1952)#/media/Datei:Thüringen_1920.svg