100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Otto Strasser der Sozialist

Vor seiner Karriere in der NSDAP war Otto Strasser (1897-1974) war Strasser Mitglied der MSPD. Was die Beweggründe des jungen Jurastudenten für dieses Engagement waren, verrät dieser Artikel. Innerhalb der NSDAP gehörte Strasser, wie auch sein Bruder Georg, zum linken Parteiflügel, der aber keinen wesentlichen Einfluss auf die Leitung der Partei gewinnen konnte.

Otto Strasser - 1957 auf einer Versammlung der rechtsextremen DSU

Der Student und die Reichstagswahl

Von Otto Strasser.

Unnütz und unnötig ist es, die Bedeutung der bevorstehenden Reichstagswahl noch einmal darzulegen. Jeder weiß, daß sie entscheidet über das Antlitz, das unser politisches, wirtschaftliches und kulturelles Leben in den nächsten Jahren tragen soll, daß sie entscheidet, ob die Bahn der freiheitlichen Entwicklung, die durch die Revolution eröffnet wurde, betreten werden soll mit all den unendlichen Fortschrittsmöglichkeiten, die sie gewährt, oder ob sie verschüttet werden soll in selbstgewählter Einkerkerung, in dumpfer Konservierung ohne den belebenden Hauch des Wollens.

Wenn so die Gegenüberstellung des Jungen, Neuen, Vorwärtswollenden gegenüber dem Alten, Beharrenden, Rückwärtsgewandten sich klar herausgeschält hat, gibt es dann eine Frage, wo die Jugend ist, sein muß? Mit ihren größten Teilen, mit den begeisterten Scharen der Arbeiterjugend, mit der Jugend unserer Künstlerschaft ist sie da, wo sie hingehört, bei der Fahne des neuen Geistes. Wie aber kommt es, daß die studierende Jugend im Gegensatz hierzu in anderen Lagern steht?

Daß dem so ist, wird kein Mensch bestreiten, der nur einigermaßen den Geist unserer Hochschulen kennt, den Geist, der in zahlreichen Meldungen von fortschrittsverneinendem Auftreten der Studenten durchklingt, der ganz besonders auf dem jüngsten Studententag in Dresden wieder zum Ausdruck kam. Wie ist es möglich, daß die Jugend aus den gleichen Hörsälen, aus denen sie einst auszog, für Freiheit und Menschenrechte zu kämpfen, deren beste Geister jahrelang schmachteten in Kerkerhaft um dieser Ideale willen, heute auszieht im Dienste der Mächte des Rückschritts, des klassenmäßigen Egoismus?

Mannigfach sind der Gründe, sind der Gründe namentlich wirtschaftlicher Art – der Hauptgrund liegt tiefer. Er liegt einseitig darin, daß jene Mächte es verstanden haben, ihre Machenschaften unter dem Mantel der nationalen Idee zu verhängen, wohl wissend, daß für viele Machenschaften selbst die übergroße Mehrzahl der studierenden Jugend keinen Finger rühren würde, aber in aller wirtschaftlicher Not noch zu packen ist bei ihrem Idealismus.

Falsch geleiteter Idealismus also ist es, der diese Stellungnahme der studierenden Jugend hervorruft, und hier gilt es den Hebel anzusetzen. Hat denn die Jugend kein Urteilsvermögen mehr, daß sie gläubig hinnimmt, was jene Mächte ihr sagen, daß der neue Geist antinational sei? Hat es ihr nicht die Haltung aller Volksgenossen in unendlich schweren Jahren bewiesen, trotzdem die meisten es schlimmer hatten als die Mehrzahl der aus ihren Schichten unter der Fahne Gestandenen, daß Liebe zum eigenen Volke und Pflichterfüllung auch in den Herzen jener wohnt, denen noch heute vaterlandslose Gesinnung vorgeworfen wird? Hat die Jugend kein Gefühl dafür, daß Internationalismus nicht Antinationalismus ist, sondern national ist im Bewußtsein, daß der Einzelmensch ein Glied seiner Familie, seines Stammes, seiner Nation ist, darüber hinaus aber Mensch, Weltbürger, wie gerade unsere größten Geister es waren? Hat der Student kein Gefühl dafür, welche Tiefe urgewaltiger Kräfte in den breiten Massen der Nation, die gerade er doch besonders zu lieben vermeint, wirken, Kräfte, die nur ganz verführte Blinde als Verhetzung, Irreleitung bezeichnen können? Fühlt er denn nicht, was im einmütigen Zusammenstehen des ganzen Volkes, im Generalstreik so machtvollen sichtbaren Ausdruck fand, daß der größte Teil der studierenden Jugend gemeinsam mit einer Handvoll Militär und den von ihren Interessen sich leiten lassenden Machtpolitikern abseits steht von der lebendigen Fülle des Volkes? Und woher, die Ueberhebung, die so häufig zu finden ist, daß diese kleine Schicht besser weiß, was dem Volke und dem Vaterlande frommt, als die große, überwältigende Masse der andern? Erkennt und fühlt der deutsche Student denn nicht, daß tief im Herzen der breiten Massen des Volkes das Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Gleichberechtigung und Freiheit lebt – ein Verlangen, das gerade der junge, ringende Mensch mit aller Kraft seines Idealismus sich zu eigen machen möchte. Soviel hört man gerade in studentischen Kreisen von Führerseinwollen und Führerwerdenwollen für das Volk –; glauben diese Kreise, daß dies möglich ist, wenn sie Stellung nehmen gegen alle Freiheiten, die die breiten Massen endlich, endlich sich errungen haben? Glauben sie, daß dies möglich ist, wenn sie zu Felde ziehen im Dienste jener, die altes Klassenregiment, alte Klassenherrschaft, alte Klassengerechtigkeit wieder einführen wollen? Wissen sie nicht, daß dies nur dann möglich ist, wenn sie Bahnbrecher sind neuer Ideen, einer neuen, gerechten, besseren Zeit – neuer Ideen, wie sie, unklar vielleicht manchmal noch, doch tief eingegraben sind in das Hoffen und Sehnen und Wollen gerade der breiten, unverbrauchten unteren Schichten unseres Volkes!?

Der deutsche Student, der zur Wahlurne geht, möge diese Gedanken in seinem Kopf und seinem Herzen Widerhall finden lassen, möge versuchen, sich freizumachen von eingeimpften Vorurteilen, freizumachen von betörenden Schlagworten, freizumachen auch vom Egoismus des Bevorrechteten. Er möge versuchen, die Gefühle, Gedanken und das Wollen aller jener, mit denen er so wenig Gemeinsames mehr hat, der Arbeiterklasse im besonderen mit ihrem zähen, starken Ringen, ihrem hohen Ziel zu verstehen und dann erst den Stimmzettel abgeben – und wenn er es wirklich mit dem deutschen Volk gut meint, dann kann der nicht im Gegensatz sein zu den breitesten Schichten unseres Volkes!

[…]

Unser Ziel kann nur heißen: Fort mit dem Klassen- und Kastenwesen, fort mit dem ausbeuterischen Egoismus der Stärkeren – Gemeinsamkeitsgefühlen, Gemeinsamkeitswollen, Gemeinsamkeitsarbeiten! Sozialismus!

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 2.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0645.TIF

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Strasser#/media/Datei:Otto_Strasser.jpg