100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Professoren der Republik

Die deutschen Hochschulen als ehemalige Kaderschmieden des Kaiserreiches sind stark vom protestantisch-nationalistischen Geist des Wilhelminismus geprägt. Doch gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Fakultäten und Disziplinen. Während Geschichte und Literaturwissenschaft politisch stark nach rechts neigen, finden sich u.a. in der Philosophie, Soziologie und Staatsrechtslehre prominente Unterstützer der Republik und ihrer Verfassung.

Kundgebung deutscher Hochschullehrer für die republikanische Verfassung.

Um der Auffassung entgegenzutreten, die in vielen Volkskreisen gehegt wird, daß die deutschen Hochschulen Horte der Reaktion seien, in denen die demokratische und soziale Republik des neuen Deutschlands grundsätzlicher und allgemeiner Ablehnung begegne, geben die unterzeichneten deutschen Hochschullehrer eine Erklärung ab, in der es unter anderem heißt:

Deutschland kann nur durch pflichtbewußte Hingebung an den Dienst des Gemeinwohls wieder gesunden. Die deutsche Reichsverfassung gewährt jeder aufbauenden staatsbürgerlichen Gemeinschaftsarbeit Raum. Darum bekennen wir uns ohne Vorbehalte und Umschweife zu ihr. Wir verwerfen alle Versuche eines gewaltsamen Umsturzes, gleichviel, ob sie von rechts oder von links kommen. Die Verfassung von Weimar ist für uns die aus dem Zusammenbruch wiedergewonnene Rechtsordnung des deutschen Staates; sie ist durch die gewählten Vertrauensleute der Nation unter Mitwirkung aller Parteien geschaffen und mit weitaus überwiegender Mehrheit zum Staatsgrundgesetz erhoben worden. Sie schützt jede Ueberzeugung des Privatmannes wie des Staatsbeamten und verlangt nur, daß ihre Verwirklichung in den Bahnen des Rechts erfolgt.

Sicherlich muß in den Hochschulen auch die politische Freiheit als „akademische Freiheit“ in besonderem Maße ihren Hort finden. Diese Freiheit läuft heute jedoch mitunter Gefahr, sich in zersetzender Kritik und unfruchtbarer Ablehnung des neuen politischen Zustandes und seines Verfassungsrechtes zu verbrauchen. Statt in engster Fühlungnahme mit der großen Mehrheit des deutschen Volkes ihrem hohen Ziele nachzugehen, sind manche Kreise unserer Hochschulen in unsoziale Absonderung geraten. Aus dieser Gefahr erfließt die weitere, daß die höchsten geistigen Bildungsstätten in dauernden Gegensatz zum politischen Zeitbewußtsein der Nation treten und statt mit Hochachtung mit Mißtrauen betrachtet werden. Die akademische Jugend, die mit dem Blut von Tausenden ihrer Besten Heimat und Vaterland vor den Greueln des Krieges bewahren half, darf nicht länger, auch nicht zu einem erheblichen Teil, beiseite stehen. Sie wird, wenn sie allgemein den Geist und die politischen Ziele der Verfassung von Weimar erkannt hat, diese als willkommene Grundlage für alle erlaubten politischen Bestrebungen anerkennen und schätzen lernen. Ihr, der akademischen Jugend, der unsere Lebensarbeit gewidmet ist, wollen wir hiermit vorangehen.

Zum Heile der deutschen Hochschulen, zur Sammlung aller Kräfte im Staate, zur Versöhnung der Volksklassen, zur Steuer der Wahrheit gegen Verdunkelung und Mißdeutung sprechen wir unser politisches Bekenntnis dahin aus:

Wer an Deutschlands Wiederaufbau mitwirken will, erkenne mit uns in der demokratischen Verfassung von Weimar die für alle verbindliche Voraussetzung für die Verwirklichung der Ziele, die nach dem Zusammenbruch allen Patrioten gemeinsam sein müssen, und die die Verfassung selbst in die Worte faßt: „das Deutsche Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festigen, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern“.

[Es folgen mehr als 300 Namen von Hochschullehrern. Darunter Heinrich Gerland, Hans Delbrück, Paul Natorp, Friedrich Meinecke, Ernst Cassirer, Hugo Preuß, Ernst Troeltsch, Eduard Rosenthal, Hugo Sinzheimer, Max Weber… ]

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 1.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273598/JVB_19200601_126_167758667_Be_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371019

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Weimarer_Nationalversammlung#/media/Datei:Weimar_Constitution.jpg