100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Statistik des Grauens

Anderthalb Jahre nach Kriegsende sind die offiziellen Statistiken über die Gesamtzahl der Kriegstoten abgeschlossen worden. Neben den eigentlichen Kampfhandlungen waren Millionen an Unterernährung und Krankheiten gestorben. Auch ethnische Säuberungsaktionen in Osteuropa waren Teil des Ersten Weltkrieges.

Exekution serbischer Partisanen durch österrisches Militär, 1917

Die Bilanz des Weltkrieges.

36 Millionen Menschenverluste.

Kein Ereignis der Geschichte hat die Bevölkerung Europas derart in Mitleidenschaft gezogen wie der vierjährige Weltkrieg. Jetzt liegt das 6. Bulletin der Kopenhagener Studiengesellschaft über die sozialen Folgen des Krieges vor. Auf Grund der exakten Schätzungen und Berechnungen durch Sammlung und Bearbeitung des statistischen Materials aller kriegführenden Mächte ist es endlich möglich, ein abschließendes Bild über die unmittelbaren Todesopfer der Ententemächte zu gewinnen. Die nackten Statistiken, die hier nebeneinander stehen, reden eine erschütternde Sprache und tragen ein ungeheures Pathos in sich. Die Zahlen sprechen Anklage und Urteil zugleich.

Der Geburtenrückgang Deutschlands betrug während der Kriegszeit mehr als 3 ½ Millionen. Die Zahl der Kriegsgefallenen beträgt nach amtlicher Zusammenstellung 2.100.000 Mann. Außerdem sind 700.000 Menschen durch Unterernährung zugrunde gegangen. Insgesamt verlor Deutschland, wenn man die in der ersten Hälfte 1919 an Unterernährung Gestorbenen in Rechnung stellt, 2.750.000 Menschen, sodaß sich für Deutschland ein Gesamtverlust von mindestens 6.300.000 Personen ergibt.

Oesterreich-Ungarns Geburtenausfall beträgt mindestens 3 ¾ Millionen. Die erhöhte Sterblichkeit bis Ende 1918 eine Zunahme von 1,7 bis 1,8 Mill. Mit 1 ½ Millionen Kriegsgefallenen beträgt der absolute Verlust Oesterreichs etwa 5.800.000 Menschen.

Frankreichs Geburtenausfall beträgt nach einer vom französischen Arbeitsministerium herausgegeben Statistik rund 1 ½ Millionen und die erhöhte Sterblichkeit forderte unter der bürgerlichen Bevölkerung [d. h. ohne die Bewohner der Kolonien, Anm.] 450.000 Opfer. Zu diesen kommt nach der Aeußerung des Unterstaatssekretärs Abrami in der Kammer ein Verlust von 1.400.000 Kriegsgefallenen. Die Gesamtverluste betragen also mindestens 3 1/3 Millionen Menschen.

England ist von Geburtenausfall weniger betroffen worden. Der Geburtenrückgang während der Kriegsjahre betrug 850.000. Dazu kommen noch mindestens 1.060.000 Kriegsgefallene.
Für Italien liegen über Geburtenrückgang keine genauen Zahlen vor. Die Zunahme der Zivilsterblichkeit beträgt nach der Schätzung Dörings bis Mitte 1919 etwa 300.000. Die Zahl der Kriegsgefallenen 550.000. Die fünf europäischen Großmächte verloren durch Geburtenrückgang, Kriegsgefallene und erhöhte Sterblichkeit einen Gesamtverlust von zwanzig Millionen Menschen.
Der Verlust Amerikas an Kriegsgefallenen beträgt 52.000 Mann. Belgiens Geburtenrückgang berechnet Döring mit 175.000 und die Zunahme der Sterblichkeit auf 200.000, von dem die Hälfte Kriegsgefallene sind. Der Menschenverlust Belgiens beträgt also etwa 375.000.

Serbien hat von allen kriegführenden Ländern am meisten gelitten; da Epidemien unter der Bevölkerung wüteten und die Bulgaren etwa 40.000 Personen (Frauen und Kinder) ermordeten. Nach der Zeitschrift „La Serbie“ beträgt der Geburtenverlust 300.000, die Zunahme der Sterblichkeit 1.330.000, sodaß sich ein Gesamtverlust von 1.630.000 oder 35 Prozent der Bevölkerung ergibt.

Rußlands Geburtenausfall betrug etwa 9 Millionen. „Statesman Yearbook“ schätzt die Verluste auf mehr als 3 Millionen Mann, so daß sich der Bevölkerungsausfall Rußlands durch den Krieg auf 14 Millionen beläuft.

Quelle:

Der Deutsche vom 26.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246778/SDH_19376538_1920_Der_Deutsche_0627.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00307209

 

Bild:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Occupation_austro-hongroise_de_la_Serbie#/media/Fichier:Austrian_soldiers_executing_Serbs,_1917.jpg