100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Streit ums Saargebiet

Die Rhön Zeitung meldet zahlreiche Zwiste zwischen Deutschen und Franzosen, sowie eine nach Ansicht der Saarbrücker ungerechtfertigte Einsetzung eines Schweizer Justizbeamten am Oberlandesgericht. Das Saarland (ehemals ein Teil der preußischen Rheinprovinz) war durch den Versailler Vertrag von Deutschland getrennt und unter offizieller Verwaltung des Völkerbundes gestellt worden. Faktisch war das Gebiet aber von Frankreich abhängig.

Wappen des Saarlandes (1920-1935)

Der Feind im Lande

Die deutschen Lieder in Deutschland verboten.

Laut einer amtlichen Bekanntmachung des Chefs des Generalstabes hat der kommandierende General der Rheinarmee in der durch die französische Armee besetzten Zone „infolge von Zwischenfällen und um Anlässe zu Unruhen zu vermeiden“ verboten, dass in der Öffentlichkeit oder unter Verhältnissen, die der Öffentlichkeit gleichkommen, deutsche Hymnen oder Lieder, welche einen feindlichen provozierenden Charakter gegen Frankreich tragen, gesungen werden. Verboten sind u. a.: „Die Wacht am Rhein“, „Deutschland, Deutschland über alles“, „Heil Dir im Siegerkranz“. Ferner wird in der französisch besetzten Zone unter allen Umständen das Flaggen in nationalen Farben, sei es in den alten oder neuen, verboten. Jede Übertretung wird als ungehorsam gegen den von den französischen Militärbehörden gegebenen Befehl betrachtet und als solcher bestraft.

Proteststreik in Ludwigshafen.

Wegen der erfolgten Verhaftung von Betriebsräten im besetzten Gebiete haben sämtliche Arbeiter der Eisenbahnwerkstätten und der Hauptwerkstätten und ein großer Teil des Lokomotivenpersonals die Arbeit geschlossen niedergelegt. Die Stilllegung großer industrieller Betriebe in der Badischen Anilin- und Sodafabrik, der Sulzer Maschinenfabrik ufw. steht bevor. Auch die Straßenbahner, die Elektrizitäts- und Waffenwerkarbeiter wollen in den Sympathiestreik treten. Nach einer weiteren Meldung ist der Schriftführer des Angestelltenausschusses, Schaeffer, der von den Franzosen nach der Verhaftung nach Mainz geschafft worden war, aus der Haft entlassen worden.

Auch in Mainz und Wiesbaden sind Verhaftungen und Hausdurchsuchungen vorgenommen worden. In mehreren Versammlungen der bereits streikenden Arbeiter in Ludwigshafen wurde eine Entschließung angenommen, in der erklärt wird, dass falls die Franzosen die verhafteten Arbeiterführer nicht bis Freitag mittag 12 Uhr freigelassen haben, im ganzen besetzten Gebiet der Generalstreik erklärt werden wird.

Die beleidigten schwarzen Franzosen.

Die „Köln. Ztg.“ Und die „Rhein. Ztg.“ sind laut Beschluss der Rheinlandkommission auf einige Tage verboten worden. Die verbotenen Zeitungen hatten aus Berliner Blättern Nachrichten über das Verhalten der schwarzen Franzosen gebracht.

Ein deutschfeindlicher Professor Oberlandesgerichtspräsident im Saargebiet?

Aus Saarbrücken meldet man der „Frankf. Zeitung“: Die vom Völkerbund eingesetzte Saarregierung hat, wie Saarbrücker Juristenkreise vernehmen, den Professor Ottfried Rippold aus Bern als Präsidenten des Oberlandesgerichts Saarbrücken ausersehen. Die Berufung eines Ausländers zum obersten Justizbeamten wird in Saarbrücken als Verstoß gegen das Richtergesetz betrachtet. Rippold hat während des Krieges in der Schweiz eine deutschfeindliche Politik betrieben.

Quelle:

Rhön Zeitung vom 17.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172673/RhoenZ_1920-0534.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00201442

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Saargebiet#/media/Datei:Blason_Sarre_1920_-_1935.svg