100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Thüringen hat gewählt

Die Jenaische Zeitung vom Montag berichtet über den Ausgang der Landtagswahlen in Thüringen und macht vor allem deutlich, welche Folgen eine Wahlenthaltung haben kann. Resigniert nimmt der Artikelschreiber auch die geringe Wahlbeteiligung zur Kenntnis. Eine Wahlbeteiligung von 75% wird in diesem Kontext jedoch schon als schlecht angesehen.

Aufnahme eines Wahllokal (von 1932)

Die Landtagswahlen

In Jena hat sich trotz aller eindringlichen Mahnungen und Hinweise auf die Wichtigkeit der thüringischen Landtagswahlen eine starke Wahlmüdigkeit gezeigt. Statt 85 Proz. Bei den Reichstagswahlen haben dieses Mal nur 75 Proz. aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, d. h. dass rund 8.000 Wähler zu Hause geblieben sind. Bei den Mehrheitssozialisten hat sich eine vorzügliche Parteidisziplin gezeigt, sie haben nicht verloren, sondern sogar gewonnen gegenüber den Reichstagswahlen. Eine vortreffliche Parteidisziplin haben auch die Zentrumswähler gezeigt. Das Zentrum hatte zwar eine Liste eingereicht, nachher aber strikte Wahlenthaltung befohlen, weil es 12.000 Stimmen – die für ein Mandat erforderliche Zahl – nicht aufbringt und daher angeblich kein Interesse an der Wahl hat. Es hat dadurch seine Enthaltung in Wahrheit die sozialdemokratischen Parteien um die rund 7.000 Zentrumsstimmen, die der bürgerlichen Seite fehlen, gestärkt.

Der Verlust der einzelnen Parteien beträgt, nach dem vorläufigen Ergebnis berechnet: Demokraten 12,8 Proz., DVP. 8 Proz., DNVP. 5 Proz., USPD. 25 Proz., Komm. 26 Proz.

Auffällig ist der starke Verlust der Unabhängigen und der verhältnismäßig starke Rückgang der kommunistischen Stimmen um 163 bei insgesamt nur 451 Stimmen. Man kann darin wohl ein wachsendes Bedürfnis nach ruhiger Entwicklung und eine beginnende Abkehr von den gewaltsamen Hetzmethoden der unabhängigen Presse sehen. Dieses tägliche Wühlen in Putschgefahr, Mord und Brand fällt wohl auch den stärksten Lesern allmählich auf die Nerven. Dazu kam ein Wahlplakat, in dem die Studenten als Mörder angeschrien wurden; das ist wohl auch vielen bis dahin Getreuen gegen den guten Geschmack und die bessere Einsicht gegangen. Es wäre erfreulich, wenn die sich in Zahlen ausdrückende Wirkung dieser Hetzmethoden abkühlend wirkte, das würde dann die unabhängige Presse vielleicht nach und nach dazu erziehen, mit guten Gründen ihre politische Anschauung zu vertreten, anstatt mit dem öden und ermüdenden Schimpfen.

Bürgerliche und sozialistische Stimmen halten sich in Jena ungefähr die Waage. Die Nichtwähler mögen sich einmal klarmachen, wie sehr sie mit jeder Stimme die Waage zugunsten der bürgerlichen Parteien beschweren konnten, wenn sie nur wollten. Aber darüber noch ein Wort zu verlieren, wäre wohl verlorene Liebesmüh.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 21.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_06_0109.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wahlrecht_der_Weimarer_Republik#/media/Datei:Bundesarchiv_B_145_Bild-P046280,_Braunschweig,_Reichstagswahl,_Wahllokal.jpg