100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Verdächtig freundlich

Die Deutsche Volkspartei (DVP) als nationalliberale Partei und die Deutsche Demokratische Partei (DDP) als linksliberale Partei der Weimarer Republik verkörperten zusammen den politischen Liberalismus in der Weimarer Republik. Eine Zusammenarbeit dieser Parteien in der kommenden Minderheitsregierung mit dem Zentrum ist aber dennoch abwegiger als es zunächst scheint. Der hiesige Kommentar im DDP-nahen Jenaer Volksblatt wundert sich denn auch über die neu entdeckte Freundlichkeit der DVP.

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Volksparteiliche Lockungen.

In der „Kölnischen Zeitung“ [einem Hauptorgan der DVP, Anm.] wird mit besonderem Nachdruck für eine nähere Verbindung zwischen Demokratischer Partei und Deutscher Volkspartei geworben. Wiederholt sei darauf hingewiesen worden, daß programmatische Unterschiede „kaum mit der Lupe zu entdecken seien“. Der Wunsch, es möge eine „Versöhnung zwischen den beiden Gesinnungsverwandten“ zustande kommen, gehe von Mund zu Mund.

„Die Umbildung in unserem Parteiwesen ist“, so sagt das Blatt, „offensichtlich noch nicht abgeschlossen, und Fusionen wären reine Neuerung in der Geschichte der Parteien. Auch über den Namen, dem man einem solchen liberal-demokratischen Gebilde geben könnte, brauchte man sich den Kopf nicht zerbrechen. Wir wissen nicht, wie sich die Führer der beiden Parteien zu einer solchen Anregung stellen, derjenige aber, dem eine Vereinfachung unseres jetzt glücklich in 17 Gruppen zerklüfteten Parteienwesens wünschenswert erscheint, dürfte sie nicht von vornherein von der Hand weisen.“

Im übrigen wendet sich das rheinische Blatt gegen die Behauptung, die Deutsche Volkspartei stehe nicht auf dem Boden der drei Voraussetzungen, die jede deutsche Regierung jetzt erfüllen müsse: Anerkennung der Republik, der demokratischen Verfassung und des Friedensvertrages.

Wer hätte, als in der letzten Woche vor dem Wahlkampf die Agitation der Volkspartei gegen die demokratische Partei allenthalben eine nicht mehr zu überbietende Hitze erreicht hatte, wohl gedacht, daß man schon in der ersten Woche nach dem Wahlkampf derartige Töne der Sanftmut hören würde!

Wenn zwischen demokratischer Partei und Deutscher Volkspartei programmatische Unterschiede kaum mit der Lupe feststellbar sein sollen – warum machte man dann überhaupt noch eine Deutsche Volkspartei? Warum gingen dann nicht (oder gehen jetzt?) die Linksgerichteten aus dieser seltsam gemischten Gruppe zur demokratischen Partei und die Rechtsgerichteten zu den Deutschnationalen? Warum dann überhaupt erst diese Scheidung, die doch in den Novembertagen 1918, als die Linksnationalliberalen verschwunden schienen, fast schon beseitigt war?

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 14.6.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273609/JVB_19200614_137_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kölnische_Zeitung#/media/Datei:Kölnische_Zeitung_Logo.jpg