100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Was tun gegen die Wucherpreise?

Der Krieg ist vorbei, aber die Lebensmittelsituation in Deutschland hat noch nicht wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Die Kosten für Grundnahrungsmittel steigen und die Folge ist Unterernährung in weiten Bevölkerungskreisen. Wie auch in der Frage der Wohnungs- und Kohlennot versucht der Staat gegenzusteuern, aber die Erfolge der bisherigen Maßnahmen sind umstritten. Verglichen mit Russland, wo aufgrund der Hungersnot von 1921-22 über 5 Millionen Menschen sterben, ist die Lage in Deutschland aber unter Kontrolle.

Gebiet der Hungernot in Sowjetrußland, 1921-22

Gesetzliche Regelung der Lebensmittelpreise?

Nach einer Meldung der Dena wird in Regierungskreisen an offizieller Stelle an eine gesetzliche Regelung der Preisfrage und an eine neue Verschärfung der Gesetze gegen das Wuchertum gedacht. Eine Vorlage zur Senkung aller Lebensmittelpreise wird eines der ersten Gesetze sein, das von allen Parteien unterstützt, dem neuen Reichstag zugehen wird. Man denkt an normierte Friedenspreise, die vom Produzenten nicht über 15 Prozent, vom Detaillisten nicht über 30 Prozent überschritten werden dürfen. Lebensmittelschieber und Wucherer, aber auch Schieber in anderen Waren sollen außer mit hohen Strafen durch vollkommene Vermögenskonfiskation und Kassierung des Geschäftes sowie das Verbot des Weiterhandels bestraft werden. Wohnungswucher wird durch Einziehung der Mieten für den Hauswirt und durch zwangsweise Verwaltung des Hauses bestraft werden.

Getreide- und Brotpreise.

Die Zentralstelle des Deutschen Städtetages schreibt: „Von landwirtschaftlicher Seite wird, nachdem die Mindestpreise für die Ernte 1920 durch gesetzliche Vorschriften festgelegt worden sind, mit Eifer auf weitere Erhöhung gedrängt. Daneben verlautet aber, daß außer den allgemeinen Getreidepreisen auch wieder Druschprämien an die Landwirtschaft gewährt werden sollen. Nimmt man dann noch hinzu, daß die Verbraucher durch die Reichsgetreidestelle nicht bloß mit den inländischen Getreidepreisen, sondern auch noch mit den Mehraufwendungen für das eingeführte ausländische Getreide belastet werden, so ergeben sich die schlimmsten Befürchtungen für die Beibehaltung des jetzigen, auf die Dauer nicht erträglichen Brotpreises. Der Vorsitzende des Deutschen Städtetages, Oberbürgermeister Wermuth, hat deshalb Veranlassung genommen, beim Ernährungsminister und bei der Reichsgetreidestelle gegen die Kumulierung aller dieser preiserhöhenden Steigerungen im Interesse der schwerbelasteten Verbraucher auf das nachdrücklichste Einspruch zu erheben.“

Doch Erhöhung der Fleischpreise!

Vom Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft wird mitgeteilt: In Berliner Blättern wird eine Nachricht aus Augsburg verbreitet, daß einer von dem Ernährungsministerium beabsichtigten Erhöhung der Fleischpreise, welche den Landwirten Ersatz geben solle für die nicht mehr auf der bisherigen Höhe zu haltenden Preise der Häute, von den süddeutschen Staaten scheinbar mit Erfolg entgegengetreten sei. Durch energisches Vorgehen Bayerns sei erreicht worden, daß diese erneute Erhöhung der Fleischpreise nicht eintreten werde. Diese Nachricht ist unrichtig. Die Erhöhung der Fleischpreise, und zwar unter Wegfall der Häutezuschläge, ist bereits in Kraft getreten. Sie hat die Zustimmung des Kabinetts am 4. Juni gefunden und ist bereit im Reichsanzeiger und in der Bayerischen Staatszeitung veröffentlicht worden.

Quelle:

Der Deutsche vom 12.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246778/SDH_19376538_1920_Der_Deutsche_0571.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00307197

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Russian_famine_of_1921–22#/media/File:1921-Famine-map.jpg