100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wie kann der Versailler Vertrag umgesetzt werden?

Knapp zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages sind wesentliche Streitpunkte noch immer nicht geklärt. Die im Juli anstehende (fünfte) Konferenz von Spa zwischen den Vertretern der Entente und Deutschland soll Abhilfe schaffen. Der deutsche Spielraum ist aber nicht groß und selbst die rechtsnationalistische Jenaische Zeitung muss die Notwendigkeit der Abrüstung anerkennen.

Mitglieder der französischen Delegation in Spa

Die Entwaffnungsfrage.

Eine Aufgabe für Spa.

Deutschland hat bei allen inneren Sorgen und Krisen doch ein ganz klein wenig Glück, nämlich in der Außenpolitik. Zur Konferenz von Spa scheint die Entente mit derselben Uneinigkeit zu gehen, an der sie schon in San Remo litt. Das zeigt sich jetzt unverwischbar und nicht zu beschönigen in der Frage der Entwaffnung Deutschlands. Auf eine Anfrage im englischen Parlament antwortete Premierminister Lloyd George schriftlich, daß Deutschland sich im letzten Monat alle Mühe gegeben habe, sein Heer vertragsgemäß zu vermindern. Tatsächlich sind die deutschen Truppen seit dem 10. Juni auf 200.000 Mann gebracht. Auch sind, wie Lloyd George hervorhebt, 23.877 Geschütze und 37.262 Maschinengewehre ausgeliefert. Dem Artikel 169 des Versailler Vertrages ist vollauf Genüge getan. Fast zur selben Stunde aber, da der Chef der englischen Regierung dem deutschen Reichswehrminister ein so gutes Zeugnis – „fleißig und ehrlich“ – ausstellt, beschließt die französische Kammerkommission für auswärtige Angelegenheiten nach Anhörung des Kriegsministers Lefèvre, man müsse den Deutschen ganz gehörig auf die Finger klopfen und fordern, daß die deutsche Armee bis zum 10. Juli 1920 auf 100.000 Mann gebracht sei: Herr Andre Lefèvre richtet die schwersten Anklagen gegen die deutschen Abrüstungsbehörden. Die französischen Kontrolloffiziere hätten zu befürchten, daß bei den Ablieferungen Blut fließe. Deutschland verberge Kriegsmaterial und was noch schlimmer sei, Material zur Herstellung von Waffen. Es sei überaus erfinderisch darin, mehr Mannschaften zu mobilisieren, als ihm zugebilligt seien, und es bemühe sich, die Geschütze für die Festungen zu vermehren.

Was ist nun wahr? Was Ministerpräsident Lloyd George sagt, oder was Kriegsminister Lefèvre glaubt? Wahr ist das, was die englischen und französischen Kontrolloffiziere jeden Tag nachprüfen können, nämlich, daß Minister Dr. Geßler in den letzten Wochen alles drangesetzt hat, um die Wallensteinerei im deutschen Heere zu bekämpfen und die „unerlaubten“ Formationen aufzulösen. Wahr ist, daß bei der Entlassung der überschüssigen Heeresangehörigen mit einer Strenge vorgegangen wird, die bei den meist auf die Straße Gesetzten viel böses Blut macht und die Gefahr der Bildung von Verschwörernestern auf dem Lande verschärft. Die englischen Offiziere haben dies auch bemerkt und in ihren Berichten, wie es scheint, angedeutet. Denn sonst wäre es nicht zu erklären, daß Lloyd George in gelegentlichen Aeußerungen zugibt, er halte das Verlangen Deutschlands, auch nach dem 10. Juli 200.000 Mann zu unterhalten, im Hinblick auf drohende innere Wirren nicht für ungerechtfertigt. Aber derselbe Lloyd George hat ja schon damals, als die Entwaffnungsparagraphen des Friedensvertrages im Rate der Vier festgelegt wurden, und Clemenceau und Foch die Ziffer der deutschen Truppen immer weiter bis auf das Hunderttausendheer herunterhandelten, geäußert: „Ja, wenn Frankreich in dieser Sache einen Wunsch ausspricht, haben weder England oder Amerika ein Recht, sich zu widersetzen.“

Auf diese Beeinflußbarkeit Lloyd Georges wurde während der Konferenz von San Remo wieder spekuliert und man muß sagen, die deutsche Diplomatie hat dabei wieder einmal einen Riesenbock geschossen. Die englische Kontrollkommission in Berlin hatte nämlich sehr günstige Mitteilungen nach London gesandt, worin es hieß, Deutschland denke nicht daran, die Friedensbedingungen zu umgehen, militärisch sei nichts zu befürchten. Jene Berichte gaben der britischen Regierung die Richtlinien für ihre zunächst antifranzösische Haltung in San Remo. Das war, wenn wir uns recht erinnern, in der vorletzten Woche des April. Da platzte die deutsche Note vom 21. April dazwischen, die für die künftige Reichswehr schwere Artillerie, Eisenbahnkompanien und Fliegerformationen verlangte. In der Sache durchaus richtig, aber in der Form und im gewählten Zeitpunkt denkbar ungeschickt. Die Folge: Ein Sturm in der chauvinistischen Presse Frankreichs und dementsprechender Reflex in den neuerdings Paris-offiziösen „Times“. Ein förmlicher Vulkan von Haß, Furcht und Mißverständnis brach aus, und sogar die sonst so ruhige englische Mission in Berlin beeilte sich, einen Geheimbericht an Lloyd George nach San Remo zu drahten, worin die Auflösung aller Einwohner- und Ortswehren und die Bildung einer Sicherheitswehr mit Pistolen und Gummiknüppeln ohne Maschinengewehre und ohne Geschütze vorgeschlagen wurde. Man fürchtet also sogar in englischen Kreisen die Entstehung eines deutschen Krümpersystems, und noch in der neuesten schriftlichen Erklärung Lloyd Georges wird bemängelt, daß Deutschland eine „bewaffnete Gendarmerie“ beibehalten wolle. Man sieht, der deutschen Regierung harrt in Spa eine schwere diplomatische Aufgabe. Wird der richtige Mann das rechte Wort finden?

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 21.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_06_0113.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Konferenz_von_Spa#/media/Datei:Spa_Neubois_conférence_1920.jpg