100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wie kann Thüringen seuchenfrei werden?

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Thüringen spricht die sozialdemokratische Volkszeitung Probleme der geltenden Gesundheitsversorgung an. Die überwundene Kleinstaaterei hatte auf diesem Gebiet besonders kuriose, aber eben gesundheitsschädliche Folgen, wie das Blatt zu berichten weiß. Die Spanische Grippe ist zu diesem Zeitpunkt zwar längst aus den Schlagzeilen, doch sterben in Deutschland auch 1920 zahlreiche Menschen an dem tödlichen Virus.

Kein Zutritt ohne Maske! (Seattle, 1918)

Sicherung der Gesundheitspflege in Thüringen bei der Wahl

Gar mancher Wähler und manche Wählerin werden sich erstaunend fragen, was die Wahl mit der Gesundheitspflege in Thüringen zu tun hat. Und doch muß diese Frage aufgeworfen werden, da sie von ungeheurer Wichtigkeit ist. Solche Fragen spielen in der Landespolitik eine große Rolle, da das Landesparlament selbstverständlich die dazu notwendigen Einrichtungen zu schaffen hat, für die das Reichsparlament nur den großen Rahmen schaffen kann. Die hygienischen Einrichtungen in den einzelnen Staaten können trotz den reichsgesetzlichen Vorschriften sehr im argen liegen. Bisher war das leider der Fall, da die bürgerliche Gesellschaftsordnung genug getan zu haben glaubte, wenn sie dem Notdürftigsten nachkam und nichts tat, was über diesen Rahmen hinausging. Die Sozialdemokratie hat sich von jeher zur Aufgabe gestellt, solche Fragen zweckentsprechend zu lösen und selbst auf die Kosten keine Rücksicht zu nehmen, oder dafür wenigstens höhere Mittel einzustellen. Anders die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die nicht danach fragte, wie notwendig die hygienischen Einrichtungen sind, sondern in erster Linie die Frage nach den Kosten stellte. So war es ganz natürlich, daß oft sehr dringende Einrichtungen unterblieben, sehr zum Schaden der Bevölkerung. Dabei muß festgehalten werden, daß hiervon nicht nur die arbeitende Bevölkerung betroffen wird, sondern die Bevölkerung überhaupt. Läßt man hygienische Einrichtungen außer acht, so ist die notwendige Folge, daß sich Seuchen, Krankheiten und sonstige Gebrechen ausbreiten und das Volk in seiner Gesamtheit ungeheuer schädigen. Für die Zukunft ist aber darauf Bedacht zu nehmen, daß jedes Menschenleben geschont und wo es in Gefahr gerät gerettet wird. Dabei ist ganz natürlich, daß durch den Zusammenschluß größerer Landstriche Zweckentsprechendes geleistet werden kann. Gerade für Thüringen ist das sehr erforderlich.

So viele kleine Staaten wir bisher in Thüringen hatten, so viele Gesetze bestanden auch und jeder Landeseinwohner mußte damit rechnen, daß er dabei in Gefahr geriet, zumal wenn man noch den Bureaukratismus in Berücksichtung zieht, der namentlich in diesen kleinen Staaten eine starke Ausbreitung hatte. Welchen Schaden gerade er angerichtet hat, darüber kann jeder ein Lieb singen, der mit ihm in Berührung gekommen ist. Wie notwendig aber die Vereinheitlichung der Gesundheitspflege im Lande Thüringen ist, darüber gibt uns eine Schrift Auskunft, die augenblicklich vom Presseamt Thüringen in Weimar verbreitet wird. *) Aus dieser Schrift mögen einige Beispiele erwähnt sein. Zunächst über die Hilfe bei Erkrankungen:

Es ist vorgekommen, daß Seuchenkranke aus der Rhön weimarischen Anteils, nur weil sie Weimaraner Landeskinder waren, an den schönen Isolierabteilungen einer ganzen Reihe von Krankenhäusern anderer Bundesstaaten vorüber nach den Landesheilanstalten in Jena mit der Bahn gefahren wurden, was neben der Schädigung der Kranken durch übermäßig langen Transport eine bedeutende Gefährdung der Gesunden durch die bei der sehr langen und verwickelten Eisenbahnfahrt gesteigerte Ansteckungsmöglichkeit mit sich brachte. – Von der weimarischen Exklave Allstedt aus wurden mehrmals Kranke recht schwerer Art zu Wagen nach Jena gefahren, weil sie in den Krankenhäusern der nächsten Städte nicht aufgenommen wurden.

Nicht nur eine Gefährdung der Gesunden tritt dadurch ein, sondern es ist fraglich, ob man die Kranken überhaupt an Ort und Stelle bringt. Wer hätte nicht schon die Erfahrung gemacht, daß irgend ein gefährlich Erkrankter, wir verweisen nur auf Unglücksfälle, einfach abgewiesen worden ist, weil er zu dem betreffenden Bezirk, in dem das Krankenhaus lag, nicht gehörte. Wenn seine Abweisung nicht erfolgte, so war die Aufnahme bestimmt mit Schwierigkeiten verknüpft. Der Kranke hatte neben den körperlichen Schmerzen auch noch die seelischen. Alle Hinweise, namentlich der Sozialdemokraten, daß der Mensch dem Menschen in solchen Fällen beizustehen habe und daß hier so eine Art Solidarität nötig sei, wurden bisher glatt abgewiesen. Die Gründe haben wir ja oben bereits angeführt. Menschlichkeitsgründe schob man ruhig beiseite, weil, wie gesagt, die geldlichen Interessen höher standen. An der Kleinstaaterei ist also ein gut Teil von Menschenglück und –gesundheit zugrunde gegangen. Dieses Uebel ist durch die Revolution und die endliche Bildung eines Großthüringens beseitigt. […]

Nicht nur auf dem Gebiete der menschlichen Gesundheitspflege liegt nicht mehr alles im argen, sondern auch dem des Veterinärwesens. Auch hierüber gibt uns das in Frage stehende Heft einige Beispiele:

Die Tuberkulose der Rinder wuchs vor dem Kriege jährlich um ein Prozent; die durch Futter- und Leutemangel verschlechterte Ernährung und Haltung der Tiere während des Krieges rief nicht nur eine sprunghafte, geradezu erschreckende Zunahme der Seuche hervor, sondern leider auch einen schweren und raschen Verlauf der Krankheit beim einzelnen Tiere. Durchschnittlich waren 1912 in Thüringen etwa 29 Prozent aller Rinder, etwa 70 Prozent aller Kühe mit Tuberkulose behaftet.

Man stelle sich vor, welche ungeheure Gefahr die Krankheit der Tiere, die der menschlichen Ernährung dienen, für die Menschen bedeutet. Es ist durchaus die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß schon durch die Milch die Krankheitsstoffe in die Körper der Kinder gebracht werden und daß so von vornherein der Menschenstamm vergiftet wird. Hier gilt es energisch einzugreifen. Es müssen Gesetze geschaffen werden, die uns selbst schützen. Namentlich die Mütter, die als Wählerinnen auftreten, haben das zu berücksichtigen. Solche Gesetze können auch nur bei Personen Verständnis finden, denen es zunächst und in allererster Linie auf die Wohlfahrt des Volkes ankommt. Die bürgerlichen Vertreter dieser Anschauung werden wieder und immer wieder zunächst nach dem Geldbeutel fragen und dann erst Rücksicht nehmen auf die Wohlfahrt des Volkes. Das muß selbst von denen gesagt werden, die an diesen Fragen in hohem Maße interessiert sind, von der Landwirtschaft. Die Landwirte haben ihr Vieh gegen Krankheitsfälle versichert und nicht ein so hohes Interesse daran, der Volkswohlfahrt zu dienen. Ihre Vertreter würden also nur bedingt für energische Maßnahmen eintreten.

Wer sich also in Großthüringen gesundheitlich schützen will, wer die Vereinheitlichung der Gesundheitspflege zustrebt, der wähle die

sozialdemokratische Liste,

beginnend mit

Staatsminister August Baudert.

 

*) Das neue Thüringen. Heft 7. Grober und Hobstedter: Die Vereinheitlichung der Gesundheitspflege im Land Thüringen. […]

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 15.6.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0780.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149778

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Grippe#/media/Datei:165-WW-269B-11-trolley-l.jpg