100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„An alle Thüringer!“

Der Kapp-Putsch hat Weimar zwar noch nicht völlig erreicht, aber die Regierung unter Arnold Paulssen verurteilt das Vorgehen der Reaktion und ruft zur Unterstützung der verfassungsmäßigen Reichsregierung Bauer auf. Noch scheint eine trügerische Ruhe zu herrschen.

Gruppenfoto des Bundesrates von 1900 (Arnold Paulssen stehend ganz rechts)

Für und wider die Gegenrevolution.

An alle Thüringer!

Aus Berlin eingegangene Nachrichten beklagen, daß die bisherige Reichsregierung der Gewalt gewichen ist, weil sie vermeiden wollte, daß unschuldiges Bürgerblut fließt. Mit Unterstützung von Teilen der Reichswehr und der Sicherheitstruppen ist eine Diktatur reaktionärer Politiker aufgerichtet worden.

Thüringer! Wir halten das für ein schweres Unglück für unser hart geprüftes Volk, das eben die Anfänge einer Besserung der Verhältnisse auf wirtschaftlichem und eine Beruhigung auf politischem Gebiete begrüßen zu dürfen vermeinte.

Noch ist nicht gewiß, welchen Gang die Dinge genommen haben oder nehmen werden. Das aber wissen wir, daß das Thüringer Volk einig mit uns ist in dem Gedanken, daß die Republik und die demokratische Verfassung nicht preisgegeben werden dürfen, und daß jeder Versuch, sie zu beseitigen, auf zähesten W i d e r st a n d stoßen wird. Es ist unverantwortlicher Wahnwitz, in einem Augenblicke abenteuerliche Putsche zu inszenieren, in dem unsere Kriegsgegner die Hand noch an unserer Gurgel haben und diesen damit nicht unerwünschte Vorwände zu bieten, die eben etwas gelockerten Fesseln wieder schärfer anzuziehen.

Das tiefe Unglück, in dem sich unser armes Volk und Vaterland befinden, ist lediglich eine Folge des furchtbaren Krieges, den das Volk in seiner erdrückenden Mehrheit n i ch t gewollt hat. Um diese Folgen zu beseitigen, ist notwendig, daß das gesamte deutsche Volk einig zusammensteht und in Ruhe seine Verhältnisse neu zu ordnen gewillt ist. Dieser Wille ist bei uns in Thüringen in packendster Form in die Erscheinung getreten durch die Schaffung eines geeinten Thüringen, hinter dem die Bevölkerung in Einmütigkeit steht.

Thüringer! Bewahrt die Ruhe, möge kommen, was kommen will! Gegensätze zwischen Regierung und Volk gibt es bei uns nicht. Auch in Bayern haben sich die Sicherheitstruppen und die Reichswehr der bisherigen verfassungsmäßigen Regierung zur Verfügung gestellt und in Sachsen bewahrt General Maercker mit seinen Truppen strengste Neutralität.

In dieser Stunde rufen wir euch zum Schutz der d e m o k r a t i s ch e n Verfassung und der ordnungsmäßigen Regierung auf. Der Versuch einer Berliner Militärdiktatur muß mit allen Mitteln verhindert werden!

Paulssen, Hofmann, Baudert, Werner, Wilharm, Frölich, Rudolph, Bärwinkel,

A. Drechsler, Beyer, Dr. Benz

Die Stimmung nach dem Berliner Putsch in Weimar.

In Weimar verlief der Sonnabend verhältnismäßig ruhig, wenn auch unter der Bevölkerung eine gewisse Erregung nicht zu verkennen war, als die Kunde von dem wagehalsigen Putsch bekannt wurde. Wie es den Anschein hat, scheint die Bewegung vorläufig sich nur auf Berlin zu beschränken. Die hiesige Staatsregierung mißt dem Umsturz wohl auch nicht die Tragweite zu, wie vielleicht der größte Teil der Bevölkerung annehmen könnte. Der Staatsrat von Thüringen, der heute zu einer Sitzung zusammentrat, hat seine Tagesordnung ruhig erledigt. Am Nachmittag hat er einen allgemeinen Aufruf ausgearbeitet und anschließend die Beratungen über die Ernährungsfrage Thüringens fortgesetzt. Ueber einen Anschluß der hiesigen Reichswehr und Sicherheitswehr ist nichts bekannt, wenigstens nicht bis zur Stunde. Wie sich die hiesige Arbeiterschaft zu dem Aufruf des Reichskanzlers Bauer, den Generalstreik zu proklamieren, verhalten wird, ist bis zur Stunde auch noch nichts bekannt. Das Verhalten wird wohl abhängig sein von dem Vorgehen der übrigen Städte. Das Straßenbild Weimars hat sich ebenfalls nicht groß geändert, außer einigen Sicherheitswehrbeamten, die mit Gewehr die Post, Bahn usw. ohne jegliche Tendenz bewachen und nur die öffentliche Sicherheit gewährleisten und zur Verstärkung der hiesigen Polizei Mannschaften ihren Dienst versehen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 14.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Paulssen#/media/Datei:Hermann_von_Stengel_im_Bundesrat_1900.jpg