100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„An die Wand mit diesen Hochverrätern“

Die Putschisten kriegen den Gegenwind in Weimar schneller zu spüren als in Berlin. Während sich Vorgestern der Rechtsanwalt Jöck mit Unterstützung der Reichswehr an die Spitze des Landes gestellt hatte, machte er Gestern wieder einen Rückzieher. Die sozialdemokratische Volkszeitung verlangt harte Konsequenzen für die Putschisten und ihre militärischen Hintermänner.

Kapp-treue Reichswehrtruppen in Berlin mit dem Hakenkreuz als Erkennungssymbol

Eine Erklärung der verfassungsmäßigen Regierung des Freistaates Sachsen-Weimar

Die ordentliche Staatsregierung veröffentlicht folgende Erklärung:

Der stellvertret. Kommandeur der Reichswehrbrigade 16, Generalmajor von Hagenberg, hat die Weimarische Regierung für abgesetzt erklärt. Kein General hat das Recht, eine verfassungsmäßig durch den Landtag eingesetzte Regierung abzusetzen. Die Erklärung des Generalmajors von Hagenberg und jede von ihm willkürlich vorgenommene Einsetzung einer neuen Regierung ist daher ungesetzlich und verfassungswidrig. Die weimarische Staatsregierung besteht also in der ihr vom Landtag gegebenen Zusammensetzung nach wie vor weiter und werden die Regierungsgeschäfte fortgeführt, die ihr durch die aufrührerischen Truppenteile bereiteten Hemmnisse wieder beseitigt sind.

Weimar, d. 15. März 1920.

Die Staatsregierung des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach.

gez. P a u l s s e n. B a u d e r t. P a l m. P o l z. R u d o l p h.

Zugleich für die nicht in Weimar anwesenden Staatsräte

H ö r s ch e l m a n n und K ü h n e r.

 

Diese Erklärung bringt Klarheit über die Zustände in Weimar. Herr Rechtsanwalt J ö ck fühte sich nicht recht sicher auf seinem Ministersessel und hat deshalb dem aufrührerischen Brigadegeneral die weitere Mithilfe an dem verbrecherischem Putsch versagt, seinen Ministerposten also seinem Auftraggeber Herrn Hagenberg zurückgegeben. Andere Helfershelfer zu finden ist Herrn Hagenberg nicht geglückt, sodaß er die Regierungsgeschäfte dem rechtmäßigen Staatsministerium wieder überließ. Damit wird auch das unsinnige Gerücht aufgeklärt Genosse Baudert sei unter gewissen Voraussetzungen in die Staatsregierung eingetreten.

Die Militärgewalt befindet sich noch in den Händen des Herrn Hagenberg; aber auch die Tage dieser Herrlichkeit sind gezählt!

Die Hochverräter Jöck und Hagenberg

ließen gestern gegen Mittag durch Flieger rote Zettel mit folgender Bekanntmachung auf Jena niederwerfen:

Bekanntmachung.

Die vollziehende Gewalt ist auf mich übertragen worden. Die bisherige Regierung des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach steht nicht hinter der neuen Reichsregierung. Sie wird deshalb befehlsgemäß abgesetzt. Die Leitung der Staatsgeschäfte des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach hat Rechtsanwalt Jöck (Weimar) übernommen. Alle Zivilbehörden haben seinen Anordnungen Folge zu leisten.

W e i m a r , den 14. März 1920.

H a g e n b e r g ,

Generalmajor und Stellv.-Kommandeur der Reichswehrbrigade XVI.

 

Dieser Erlaß der „neuen Regierung“ ist in Jena mit der ihm zukommenden Würdigung aufgenommen worden; ganz allgemein wurde darüber gelacht und gehöhnt, auch in einer Versammlung der Beamten unserer Gemeindeverwaltung, die gestern mittag in der „Sonne“ stattfand. Herr Rechtsanwalt J ö ck , der die Leitung der Staatsgeschäfte übernommen hat, scheint keine große Befriedigung daran gefunden zu haben, denn er ist als der Staatsminister des Herrn Generalmajors bereits wieder zurückgetreten. Ganz offenbar vertraute er noch nicht recht auf die Festigkeit der neuen Regierung und er will nun noch rechtzeitig seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Hoffentlich schlägt auch das Stündchen des Trägers der „vollziehenden Gewalt“ bald. Dann aber: A n d i e W a n d m i t d i e s e n H o ch v e r r ä t e r n u n d S t a a t s v e r b r e ch e r n!

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 16.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-R16976,_Kapp-Putsch,_Berlin.jpg