100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Bismarck als demokratisches Vorbild?

Das eigene Verhältnis zur Geschichte zu klären ist gerade in einer neugeschaffenen Demokratie schwierig. Hier versucht der Politiker Egbert v. Frankenberg eine demokratische Neuinterpretation des Bismarck-Mythos. Sicher habe Bismarck das Militär als politisches Instrument benutzt, um die deutsche Einigung zu erzwingen, aber für ihn sei der Krieg kein Selbstzweck gewesen und in der jetzigen Situation der Weimarer Republik würde er eine Wiederaufnahme des Krieges sicher ablehnen. Dieser Gedankengang mag historisch einseitig sein, aber dahinter steht die Absicht die Republik mit deutschen Traditionen zu versöhnen.

Tradition und Moderne: Das Bismarck-Denkmal im heutigen Hamburg

Im Wechsel der Zeiten.

Von Egbert v. Frankenberg, Weimar.

„Ewig bleibt allein der Wechsel.“

Immanuel Kant.

Am 17. März 1818 erließ Friedrich Wilhelm III. den Aufruf: „An mein Volk“. Ein herrliches, alle Stände des Volkes mächtig durchdringendes Dokument deutscher Geschichte. Ein Adelsbrief an das Volk, dem es, entgegen der bis dahin herrschenden Politik des absolutistischen Staates, unmittelbaren Anteil zugesteht an dem Geschick des Vaterlandes, frei von jeder falschen und gekünstelten Erregung. In seiner militärischen Bedeutung, durch Einführung einer allgemeinen Konskription der waffenfähigen Jugend, der Errichtung der Landwehr und Bildung eines Landsturms hebt es sich leuchtend ab von der Niederlage der alten preußischen Armee von 1806.

Nach siegreichem Kampfe aber zeigte es sich, daß durch die 1815 einsetzende Staatspolitik, wie sie auf dem Wiener Kongreß zum Ausdruck gekommen, die Wünsche und Interessen des Volkes, welches von aller Mitwirkung sich wiederum ausgeschlossen sah, unberücksichtigt blieben in der Neuordnung der Dinge. „Kein Wahrzeichen“, so heißt es in der vom Feldmarschall Moltke verfaßten Einleitung zum Generalstabswerk über den Krieg 1870/71, „der Einheit, keine Sicherheit der Grenze blieb den deutschen Stämmen, bis zum erstenmal seit Jahrhunderten wieder als Macht nach außen auftraten; im Volk aber lebte das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit fort, auf deren Geltendmachung die Politik verzichtete.“

Von diesem Volksbewußtsein der deutschen Nation nahm die Politik Bismarcks ihren Ausgang und schuf die Einigung Deutschlands in einer eigenen, willensstarken Weise durch das Schwert.

Einer der schwierigsten Momente im Leben eines leitenden Staatsmannes muß es sein, wenn bei Ausbruch eines Krieges er sich gezwungen sieht, sein Werk in die Hände desjenigen zu legen, welcher zur „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, zum Schlagen von Schlachten berufen ist. Wie wird er von dem, welchem er es anvertrauen mußte, zurückerhalten? Man wird als schlimmste Gefahr, die dem Werke drohen kann, die militärische Niederlage anzunehmen geneigt sein, und sie ist es in der Tat auch, nur, daß auch im Siegen eine Gefahr sich birgt, welche dem Werke ebenso verhängnisvoll zu werden vermag, wie die Niederlage: die Ausartung des Krieges. Es liegt das in der Doppelnatur des Krieges begründet. Soll er zu einem bestimmten Ziele hinführen, bedarf er einer Kraft, welche ihn zu meistern versteht, sobald er ins Maßlose zu streben droht, und sobald der Krieg nur um des Krieges willen geführt wird. Es erwächst also dem Staatsmann durch die Kriegskunst nicht nur eine Möglichkeit, die schützende Hand über seinem Werke zu halten, sondern die Kriegskunst stattet ihn mit einer Pflicht aus, die ihn zweifelsohne in bestimmtem Sinne hoch über den stellt, dem er sein Werk abtreten mußte. In Ausübung dieser Pflicht war Bismarck ein Held und Meister, denn es gehört Mut und Willenskraft eines klugen Staatsmannes dazu, die Widerstände zu überwinden, welche ihm hier naturgemäß entgegentreten werden. Schon in den Freiheitskriegen gegen Napoleon, wo zum erstenmal dieses Problem in Erscheinung trat, da sich bis dahin, in den sog. Kabinettskriegen, die Dinge von selbst ergeben hatten, lastete ein starkes Odium auf allem, was militärischerseits mit Politik und Diplomatie während des Krieges zusammenhing. Des Marschalls Blücher zorniger Gruß an die verflixten Federsuchler Anno 1813 stand an urwüchsiger Derbheit dem des Götz von Berlichingen nicht nach und blieb unvergessen.

Ministerpräsident Bismarck mit Kriegsminister Albrecht von Roon und Generalstabschef Helmuth von Moltke (v. l. n. r.)

Wie nun löste Bismarck das Problem? Wir meinen in einer einzigartigen Weise.

Schon beim ersten Keimen seines deutschen Einigungsplanes, Anfang der fünfziger Jahre also, in Frankfurt a. M. erkannte er, daß die preußische Armee das vornehmste Werkzeug seiner Politik werden müsse, daß er sie vor gewaltige Aufgaben zu stellen haben werde. So nahm die Armee alsbald in seinem Herzen einen besonderen Platz ein, den sie auch nie wieder verloren hat. Die große Reorganisation der preußischen Armee von 1860 gab ihm Gelegenheit, daß der Geist, den er in ihr für seine politischen Pläne brauchte, auch in ihr verankert wurde.

Wenn wir aber aus diesem Grunde von Bismarcks Liebe zur Armee in der Folge sprechen dürfen, so will dieses weder so verstanden sein, als ob er selbst je soldatische Berufsneigungen verspürt habe, noch als ob diese Liebe ihn vor Anfeindungen aus militärischen Kreisen bewahrt und ihm Kämpfe erspart hätte, um sein Ziel zu erreichen.

Bismarck wäre als Offizier der damaligen Zeit ganz undenkbar gewesen. Die nach Beendigung der Freiheitskriege 1815 bald schon in den Vordergrund tretenden Sparsamkeitsrücksichten im preußischen Staate hatten zu einer starken Verminderung der Armee auf Kaderformationen geführt. In der Enge des damaligen militärischen Lebens blühte der Gamaschendienst. Der Feuergeist von 1813-15 war verrauscht. Der Zopf bändigte alles.

Bismarck aber war damals eine noch ungezügelte Kraftnatur voll genialer Erkenntnis und Weltsicht der Dinge, ein Landedelmann, der seine Bauern um sich und seine Felder blühen sehen wollte, der ein Weib zu lieben und guten Wein zu schätzen wußte, dem jeder Zwang eine Strafe dünkte, der keinen Gehorsam kannte, der weder Knecht noch Herr zu sein gewillt war.

Wohl als Bestandteil gewissermaßen auch seiner großen Verehrung zu seinem Könige, dessen Schöpfung Liebling eben diese Armee war, entwickelte sich Bismarcks Liebe zu ihr und fand ein bedeutsames Echo in den führenden Geistern derselben wie Roon und Moltke, welche mit dem Einsetzen ihres gewaltigen Könnens den Ehrgeiz befriedigten, sich Bismarcks Riesenaufgaben vollkommen gewachsen zu zeigen. Es liegt auf der Hand, daß, wo solche gewaltigen Energien sich auslösen, es ohne Friktionen, selbst beim besten Willen der einzelnen Persönlichkeiten, nicht abgehen kann.

Grantigfest, trotz seiner Liebe zur Armee, blieb Bismarck allen Versuchen gegenüber, ihm das Heft aus der Hand zu winden, besonders späterhin auch allen gelegentlichen Strömungen, die einem Präventivkrieg das Wort redeten. Er hat sich damit das Odium eines „Feindes der Armee“ zugezogen. Man habe ihm so will er erfahren haben, im Kriege 1870/71, den Beinamen des „Questenberg“, im Sinne der Rolle gegeben, welche Schiffer in seiner Wallenstein-Trilogie den Vertreter der Wiener Regierung im Hauptquartier des Friedländers spielen läßt. Bismarcks hoher Sinn von dem Wesen der Armee im Rahmen seiner Politik ließ ihn aber alle diese offenen, wie versteckten Widerstände siegreich überwinden. Folgende klassischen, goldenen Worte mögen als sein Bekenntnis gelten. „Es ist natürlich“, schreibt er, „daß in dem Generalstab der Armee nicht nur jüngere, strebsame Offiziere, sondern auch erfahrene Strategen das Bedürfnis haben, die Tüchtigkeit der von ihnen geleiteten Truppen und die eigene Befähigung zu dieser Leitung zu verwerten und in der Geschichte zur Anschauung zu bringen. Es wäre zu bedauern, wenn diese Wirkung kriegerischen Geistes in der Armee nicht stattfände. Die Aufgabe, das Ergebnis derselben in den Schranken zu erhalten, auf welche das Friedensbedürfnis der Völker berechtigten Anspruch hat, liegt den politischen, nicht den militärischen Spitzen des Staates ob. Daß sich der Generalstab bis in die neueste Zeit hinein zur Gefährdung des Friedens hat verleiten lassen, liegt in dem notwendigen Geist der Institution, den ich nicht missen möchte –.“

Vielleicht haben obige Betrachtungen genügt, uns den inneren Zusammenhang darüber vor Augen zu führen, warum Bismarck Offiziersuniform getragen hat. Denn hier genügt zur Erklärung wohl kaum seine militärischen Charge in der Armee, noch daß nach altpreußischer Tradition des Königs Rock das höchste Ehrenkleid im Lande darstelle. Bismarck in seiner Kürassieruniform ward zum Symbol seiner Politik und Zeitepoche von „Blut und Eisen“. Nun könnte man wohl darauf hinweisen, daß ja auch Bülow, Bethmann, sogar Michaelis in Uniform erschienen seien. Ich glaube, man kann aber den Unterschied nicht besser kennzeichnen, als indem man ihn dahin präzisiert: Bismarck trug Uniform, die anderen legten sie an, und was einst Symbol galt, drohte hier in der öffentlichen Meinung zur Farce zu werden.

Die Zeit hat Bismarcks eisernes Werk zerschlagen. Eisern nur blieb uns als heilige Not: Deutschlands Wiederaufbau ohne Blut und Eisen!

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 25.3.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bismarck-Denkmal_(Hamburg)#/media/Datei:Bismarck_Monument,_Hamburg,_Germany,_IMG_4586_edit.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Bismarck#/media/Datei:BismarckRoonMoltke.jpg