100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Blut auf Weimars Straßen

Der Putsch ist vorbei und die Weimarische Landes-Zeitung versucht nach den aufwühlenden Ereignissen die Fakten zu klären. Wie auch andernorts war die Lage sehr unübersichtlich und nachdem der Generalstreik angelaufen war, der dem Kapp-Putsch letztlich das Rückgrat brach, kam es in Weimar zu tödlichen Zusammenstößen. 1922 wurde das von Walter Gropius entworfene Denkmal der Märzgefallenen eingeweiht, das an die Toten erinnern sollte.

Historische Aufnahme des Denkmals in Weimar

Der Militärputsch in Weimar.

W e i m a r , den 23. März 1920.

Schwere, aufgeregte Tage liegen hinter unserer Einwohnerschaft. Tage, von denen jeder sagen wird, daß sie ihm nicht gefallen haben und von denen wir alle wünschen wollen, daß sie nie wiederkehren. Bürgerblut ist in den sonst so stillen Straßen geflossen. Volksgenosse hat hier gegen Volksgenossen gewütet, tagelang hatten sich die Bande der Ordnung gelöst, der Aufruhr tobte durch die Stadt, keiner traute dem anderen, Verwirrung herrschte, wilde Gerüchte jagten einander und kein Organ war da, mit welchem man beruhigend, aufklärend hätte wirken können, da das wichtigste Instrument der Oeffentlichkeit, die Zeitung, ihr Erscheinen einstellen mußte, weil der Generalstreik die Setzersäle gelehrt und die Maschinen verwaist hatte und weil auch sonst die Vorbedingungen einer Zeitungsherstellung – Telephon, Telegrah und Briefpost – fehlten.

Weimar war also von der Außenwelt wie abgeschnitten, nur ganz spärlich flossen unbestimmte Meldungen hierher, die in den Schaufenstern der Geschäftsstelle dieser Zeitung zum Aushang kamen. Das Publikum lechzte nach Nachrichten und Aufklärung fast mehr wie nach dem fehlenden Licht und Wasser. Selbst Leute, die in geordneten Zeiten mit gewisser Nichtachtung von den Zeitungen sprachen, lernten in diesen Tagen erfahren, daß der zeitungslose Zustand lange nicht zu ertragen ist.

Weimar, unsere ruhige, stille Stadt, an der sich sonst die Stürme der politischen Welt brachen, in der die alt und müde gewordenen Kämpfer des öffentlichen Lebens auszuruhen pflegten, hat nun leider die traurige Berühmtheit erlangt, mit verhältnismäßig wenigen Städten des Reiches im Mittelpunkt der zu klagenden, von unpolitischen und unverantwortlichen Menschen erzeugten Verhältnisse gestanden zu haben. […]

 

Die ersten Schießereien in Weimar.

Nachdem eine Anzahl Arbeiter Waffen erhalten hatten, kam es bereits am Sonnabend, abends gegen 11 Uhr, in den Straßen der Stadt zu Schießereien und Handgranatenwerfen. Der Karlsplatz und der Fürstenplatz waren die Schauplätze dieser Exzesse, die ihren Grund in Zusammenstößen mit Sicherheitswehr und Militär hatten, die aber glücklicherweise ohne Verluste verliefen. Die gespannte Lage und die schwüle Stimmung war aber geschaffen. Der sonnige Sonntagmorgen brachte keine nennenswerten Ereignisse, man ging zur Oberbürgermeisterwahl, konstatierte, daß die Stimmung für und gegen den Putsch sehr geteilt war und füllte am Nachmittag die Kaffees und Restaurants. Gegen Mittag trafen die Naumburger Reichswehrtruppen ein, wodurch sich die Situation unleugbar verschärfte. Am Abend fiel die Vorstellung im Deutschen Nationaltheater aus, denn schon zeigten sich die Vorboten des

Generalstreiks,

der am Montagfrüh mit aller Kraft in verschärfter Weise einsetzte. Bald standen buchstäblich alle Räder still. Die Stimmung wurde schwüle und schwüler, da die Arbeiter stark gereizt waren und die Soldaten auf sie die bekannte Wirkung ausübten.

Mittlerweile hatten sich Reichswehr und Sicherheitswehr besonnen und auf den Boden der Verfassung gestellt, sogar versprochen, diese von nun an zu schützen. Dieser Umschwung war erfolgt, nachdem die weimarische verfassungsmäßige Regierung mit Herrn Hagenberg verhandelt und diesem das Ungesetzmäßige seiner Haltung dargelegt hatte, wobei dem alten Herrn bittere Wahrheiten gesagt wurden. Auch die mittlerweile bekannt gewordene unhaltbare Stellung der Kapp und Genossen, die Nachrichten aus dem Reich u. a. m. hatten diesen Umschwung bewirkt. Die Arbeiterschaft und auch weite Bürgerkreise aber hatten alles Vertrauen zu den Truppen verloren, man verlangte gebieterisch ihren Abgang; die Arbeiter besonders kamen aus dem gereizten Zustand nicht mehr heraus, das Militär wurde häufig provoziert und beleidigt, besonders als bekannt geworden war, daß Generalmajor Hagenberg sein Wort gegeben hatte, den Truppen zu befehlen, die innere Stadt nicht zu betreten. Da das immer wieder geschah, blieben die Zusammenstöße nicht aus.

 

Der blutige Zusammenstoß am Volkshaus.

Wie er gekommen ist, darüber sind die verschiedenartigen Gerüchte verbreitet. Wer ihn hervorrief, muß die genaue Untersuchung feststellen. Jedenfalls war der Verlauf so, daß ein Auto mit Reichswehrsoldaten am Volkshaus ankam, dieses vorübergehend besetzte und nach Waffen durchsuchte. Dabei soll nicht sehr glimpflich verfahren worden sein. Es hat längere Verhandlungen bedurft, um die Soldaten zum Abzug zu bewegen. Sie bestiegen ihr Auto und nun sollen provozierende Rufe aus der Menge erfolgt sein, auch soll jemand Steine nach den Soldaten geworfen haben. Von ihnen sind dann einige Handgranaten ins Publikum geworfen worden. Die Wirkung war schrecklich. Sechs Tote und zwei tödlich Verletzte, die ihren Wunden bald erlagen, wälzten sich am Boden, ferner etwa 12–15 Schwerverletzte und mehrere Leichtverwundete. Auch zwei Reichswehrsoldaten, über welche die erbitterte Menge herfiel, wurden tödlich verwundet. Nun war die Erbitterung auf ihrem Höhepunkt. Da und dort gab es Zusammenstöße, wobei Menschen zu Schaden kamen. So wurde Montagmittag Rechtsanwalt J ö ck angegriffen, aber von der Sicherheitswehr geschützt, Krongutsbesitzer K a u f m a n n , in dem man einen Mitwisser der Putschverschwörung sah, wurde mißhandelt und lag schwer darnieder. Auch nach anderen Verschwörern wurde gesucht, aber die namhaft gemachten Personen hatten sich zumeist in Sicherheit gebracht. dann wurde der Postaushelfer H o f f m a n n erschossen, kurz, es ging drunter und drüber und es wäre weiter zu sehr schlimmen Dingen gekommen, wenn nicht das Militär abgezogen wäre, was am Freitag und Sonnabend letzter Woche geschah.

Der Generalstreik lastete derweilen schwer auf der Bürgerschaft, kein Licht war da, kein Leitungswasser. Da lernte mancher die Wohltat unserer alten Brunnen wieder schätzen. Im allgemeinen aber hat die Einwohnerschaft eine bewundernswerte Ruhe und Besonnenheit während des Generalstreiks an den Tag gelegt. Die Deutschdemokratische Partei hat sich in diesem Putschabwehrstreik mit dem sozialdemokratischen Aktionsausschuß solidarisch erklärt, um die Verfassung zu schützen, ebenso die Beamtenschaft, die Post und Eisenbahn. So mußte der Generalstreik, diese schärfste aller friedlichen Waffen, seine Wirkung tun, die denn auch nicht ausblieb.

Dazwischen fanden mancherlei Versammlungen statt. Der Gemeinderat tagte in einer sehr bewegten Sitzung.

Am Donnerstag voriger Woche wurden die Märzgefallenen unter riesiger Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe gebracht, und am gestrigen Montag faßte der Aktionsausschuß, der mittlerweile eine V o l k s w e h r gebildet hatte, den Beschluß, den Generalstreik vorläufig aufzuheben, wie das im ganzen Reich geschehen war. Lebenswichtige Betriebe waren schon seit Sonnabend streikfrei.

Dies die Vorgänge der letzten Tage in kurzen Zügen. Auf Einzelheiten wird noch zurückzukommen sein, nachdem sich die Verhältnisse wieder etwas geklärt haben und man alle Dinge ruhiger überschaut.

An der Bevölkerung ist es, Ruhe zu bewahren, unkontrollierbare Gerüchte weder zu verbreiten noch zu glauben und in Geduld einer Klärung der Dinge entgegenzusehen mit Vertrauen zur verfassungsmäßigen Regierung und dem festen Willen, Putschversuchen von rechts oder links einen festen Damm entgegenzusetzen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 23.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Historischer_Friedhof_Weimar#/media/Datei:Monument_to_the_March_dead.jpg